
Inhaltsverzeichnis Jahresbericht 1995 /96
Jürgen sitzt seit Tagen teilnahmslos im Unterricht. Er ist 19, steht kurz vor der Abschlußprüfung als Technischer Zeichner. Drei Tage hat er unentschuldigt gefehlt, jetzt verweigert er sich. Ich ärgere mich, provoziere ihn, will ihn herauslocken. Er verschließt sich um so mehr. Kollegen fragen mich, ob er bei mir auch so unzugänglich sei. Der eine will ihn wegen unentschuldigten Fehlens in den Schularbeiten mit der Note ungenügend bestrafen, der andere ihm durch schlechte mündliche Noten den Weg zur Abschlußprüfung erschweren. Beides wäre vom Verhalten Jürgens her durch die Schulordnung abgedeckt.
Als ich das Schulgebäude verlasse, steht er an der Haltestelle, an einem Baum gelehnt, sein trauriger Blick geht apathisch in die Weite. Ich nehme ihn wahr. Mir ist sofort klar: ,,Ich muß ihn ansprechen." - Jürgen, was ist los?' frage ich.
Ein Wortschwall würde nur stören. Er hat immer noch die Möglichkeit, auszuweichen. Oft passiert es, daß ich ein Signal gebe, aber der andere geht nicht darauf ein. Diesmal ist es anders.,, Ich geb' auf", antwortet er kurz.,,Hat doch alles keinen Wert."
Ich lade ihn zu einem Gespräch ein. Da erzählt er mir die Geschichte der letzten Tage, erst stockend, dann immer gelöster. Nach einem Riesenstreit mit seinen Eltern hat er seinen Koffer gepackt und ist aus dem Haus gerannt und bei einem Freund untergekommen. Das nimmt ihn alles so mit, daß er für die Schule keine Energie mehr hat. Alle Lehrer setzen ihn jetzt unter Druck. Er empfindet, die ganze Welt sei gegen ihn.
Am nächsten Tag mache ich ihm einen Vorschlag. Ich spreche mit allen Kollegen. Ohne Einzelheiten zu erwähnen, erreiche ich, daß jeder ihm drei Wochen Zeit einräumt, in denen fehlende Schulaufgaben oder fehlende Unterrichtsvorbereitungen nachgeholt werden. Jürgen nimmt sich für die unentschuldigt gefehlten Tage im Betrieb Urlaub und holt sie nach. Alle gehen darauf ein. Jürgen weiß, daß nach drei Wochen für ihn wieder die üblichen Bedingungen gelten und auch der gesamte Stoff nachgelernt werden muß. Aber die Zeit reicht ihm. Nach einem klärenden Gespräch mit seinen Eltern kehrt er nach Hause zurück, die Situation normalisiert sich, Jürgen kann seine Energie wieder der Schule und seiner Abschlußprüfung zuwenden.
Gewiß, es hätte auch anders kommen können. Wenn Schüler merken, daß ich geneigt bin, bei persönlichen Problemen ein Auge zuzudrücken, werden schnell auch mehrere dies auszunutzen versuchen, um elegant dem Leistungsdruck auszuweichen. Nicht immer kann es mir gelingen, hier die Spreu vom Weizen zu trennen. Wo ich aber sensibel bin für Leidens-Signale, wo ich auch einmal einen Teil meiner Unterrichtszeit ,,opfere", um persönliche Äußerungen zuzulassen, wo ich auch außerhalb des Unterrichts die Begegnung suche, werden mir echte Krisen nicht verborgen bleiben, und ich werde nur vorgetäuschte leichter erkennen.
Um in Krisen helfen zu können, muß schon in krisenfreien Zeiten ein Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Schüler entstanden sein. In der Krisensituation ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, ist in der Regel sehr schwer, wenn nicht unmöglich. Aber ich muß ja auch nicht erst warten, bis eine Krise sichtbar geworden ist. Der pädagogische Alltag bietet eine reiche Palette von Situationen, von relativ belanglosen Alltags-,,Kleinkrisen", in denen das eingeübt werden kann, was existentielle Krisen vielleicht sogar präventiv verhindern hilft.
Die Erfahrung, daß Kommunikation mit einem Lehrer möglich ist, obwohl dieser dem Klischee nach zur ,,Feindseite" gehört, daß Lehrer mithelfen, Auswege zu suchen und Neuanfänge zu ermöglichen, werden Schüler speichern und, dessen bin ich mir sicher, in den großen Krisen abrufbar präsent haben.
Die Möglichkeiten von Schule und Lehrern, Krisenerlebnisse der Jugendlichen aufzuarbeiten, werden begrenzt bleiben. Es werden auch weiterhin Fälle des Scheiterns und der Verweigerung vorkommen. Aber die Möglichkeiten des Lehrers sind durchaus nicht so gering, wie wir es uns der Einfachheit halber manchmal vormachen. Viele Schüler warten nur darauf, daß ihnen endlich ein Mensch begegnet. Sie wollen sich nicht bevormunden lassen. Aber Sie sehnen sich danach, ernstgenommen zu werden. Der nahezu tägliche Kontakt auch in der oft unbeliebten Institution Schule ist ein Ansatzpunkt zu mehr. Wir Lehrer sollten den Mut haben, ihn dafür zu nutzen. Unser beruflicher Auftrag besteht auch darin.
Siegfried Michalski
Inhaltsverzeichnis Jahresbericht 1995 /96
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geändert am 06. Dezember 1996 durch U. Tutschku