
Inhaltsverzeichnis Jahresbericht 1995 /96
Ich habe mir sagen lassen, daß man bei einer Vorstellung auch kurz etwas über seinen Werdegang sagt. So will ich einer guten Brauch nicht widersprechen und hier einige wesentliche Abschnitte aus meinem Lebenslauf kundtun.
Eingebunden in eine Fertigungszelle kann ich mit meinen "Systempartnern", auch wesentlich schwierigere Problemstellungen bewältigen.
Geboren wurde ich in Israel - oder sollte ich doch besser sagen entwickelt. Denn ich bin ja eigentlich ein mechnisches Produkt. Viele sagen. ich sei eine CIM-Komponente, was bitte nicht mit Chaos im Maschinenbau übersetzt werden soll, sondern besser mit Baustein für die computerintegrierte Fertigung beschreibbar ist. Andere vergleichen mich mit einem Menschen, in dem sie meine Mechanik mit dem menschlichen Skelett, meine Sensoren mit den menschlichen Sinnen, meine Motoren mit den Muskeln und meine Steuerung mit dem Gehirn eines Menschen gleichsetzen. Dies mag für eine erste Einordnung meiner Spezies ein anschaulicher Vergleich sein, trift aber in technischer Hinsicht nicht ganz meine ,,Persönlichkeit". In meinen Heimatland hat man mich mit der bedienerfreundlichen Sprache SCORBASE ausgestattet, damit ich die Ideen meines Nutzers auch im wahrsten Sinne seines Wortes in die Tat umsetzen kann. Für meinen Anwender besitze ich bestechende Eigenschaften, die mich anscheinend besonders begehrenswert gemacht haben, und dies obwohl man für mich schon einiges hinblättern muß. Dafür kann ich aber dann beispielsweise ununterbrochen arbeiten ohne Murren, ohne Streiken und ohne um eine Gehaltserhöhung vorstellig zu werden. Sind das nicht etwa bestechende Eigenschaften einer rastlosen Zeit? Aber nicht alle Menschen halten meine Eigenschaften für erstrebenswert, weil ich ja als flexibler ,,Rationalisierungsmodul" angeblich auch Arbeitsplätze ,,vernichte". Hier muß ich jedoch unverzüglich richtigstellen, daß ich ein Schulungsroboter bin und somit eigentlich für diejenigen, die mit mir ,,lernen" wollen, die mich ,,verstehen" wollen und die mich später ,,betreuen", ,,benutzen" und ,,warten" wollen - also schlechthin ,,am Leben erhalten" sollen, Garant für einen neuen, modernen und begehrten Arbeitsplatz bin. Deshalb hat es mich sehr gefreut, daß ich mit drei weiteren ,,Kollegen" vor nun schon über vier Jahren die lange, beschwerliche Reise nach Würzburg zu den Auszubildenden der Fachgruppe Maschinenbau an der Franz-Oberthür-Schule antreten durfte.
In der Zwischenzeit waren die Lehrer emsig bemüht mich zu verstehen und damit natürlich auch das breite Spektrum meiner Handlungsfähigkeiten zu ergründen. Auch zahlreichen Lehrkräften aus dem Regierungsbezirk Unterfranken konnte ich schon bei vielen Schulungen und Fortbildungen Ausrufe des Erstaunens über mich, aber auch der Beleidigung für mich und meine drei Geschwister entlocken. Dabei kann ich für die Schimpfworte gar nichts, weil ich doch nur ausgeführt habe, was mir in meiner Sprache befohlen wurde. Wenn es dabei in meinem überschaubaren ,,Arbeitsraum" zu Kollisionen mit anderen Objekten kam, so nur deshalb, weil ich bedingungslos die mir befohlenen Anweisungen ausgeführt habe. Von alleine stelle ich die Arbeit ja nur dann ein, wenn ich nicht gesund bin, dann nimmt mein Controller mich aus dem ,,Rennen", weil ich sonst für meinen Programmierer, also meinen ,,Vordenker", unberechenbar werde. Aber ich kann schon jetzt versichern, auch an diesem Problem arbeiten bereits die ,,Gentechniker" meines Geburtshauses, damit die künftigen Generationen meiner Spezies auch für solche Fälle handlungsfähig sind. Der benannte Controller ist es aber auch, der mir in Verbindung mit einer SPS, also einem weiteren Baustein aus der ,,Automatisierungskiste", die Zusammenarbeit mit anderen Fertigungseinheiten ermöglicht. Damit wächst mir eine gewisse ,"technologische Universalität" zu, auf die ich natürlich im heute alltäglich gewordenen Konkurrenzkampf dringend angewiesen bin -denn auch für mich geht es um das nackte Überleben. So kann ich - Gott sei Dank- über einen Rechner und die speicherprogrammierbare Steuerung auch in ein umfangreicheres flexibles System, zum Beispiel eine Fertigungszelle, kommunikationswirksam eingebunden werden.
Allerdings mag ich das Wort Zelle überhaupt nicht, hat es doch den Ruch des Eingesperrtseins an sich. So bedauere ich eigentlich zwei meiner Kollegen, die in einer Kontrollstation und einem Doppelmagazin am BBZ ,,Zellenarbeit" leisten müssen. Wie gut habe ich es da, wenn Schüler unter Anleitung ihrer Lehrer, die mich jetzt schon hinreichend durchschaut haben, mit mir umgehen dürfen. Da habe ich schon spontane Freude und schier grenzenlose Euphorie beim Problemlösen miterleben dürfen. Vielleicht liegt es daran, daß ich kommentarlos willig die von den Schülern vorgedachten Handhabungsaufgaben zu ihrer Zufriedenheit ausgeführt habe. Natürlich kann ich auch zu einem auftretenden Problem im Vollzug einer ihrer Aufgaben akustisch oder visuell Stellung nehmen -man muß mir halt einfach nur erklären, wann ich wie antworten soll. Diese Eigenschaften machen mich anscheinend bei Schülern und Lehrern gleichermaßen beliebt, weil ich bereit bin, im Team mit ihnen mein ganzes Können auszuspielen.
An welcher Stelle ich etwas tun soll, "sagt" mir gerade mein menschlicher Partner über die Teach-Box.
Ich hoffe auf eine gedeihliche Zukunft mit den Schülern, die mit mir verantwortungsvoll, diszipliniert und sorgfältig zusammenarbeiten wollen, und wünsche ihnen und ihren Lehrern, daß sie die mit mir gemachten Erfahrungen nutzbringend auf neue Anwendungen übertragen können.
Mit einem Dankeschön an alle, die sich für mich stark gemacht haben, möchte ich meine ,,persönliche" Vorstellung schließen.
Es grüßt Sie herzlichst
Ihr
SCOROBOTER V PLUS
PS: Da ich Ihre Schrift nicht beherrsche, habe ich einen Lehrer gebeten. meine Vorstellung für Sie verständlich und anschaulich zu formulieren. Diese Arbeit hat für mich Herr Meinhard Hey übernommen.
Inhaltsverzeichnis Jahresbericht 1995 /96
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geändert am 06. Dezember 1996 durch U. Tutschku