
Inhaltsverzeichnis Jahresbericht 1995 /96
Das Judentum im Religionsunterricht der Berufsschule
Darf es sein, daß Menschen Mitmenschen foltern, sie töten, oder ihnen einfach wehtun? Wie steht es um diese Welt, mit ihren Kriegen, der Vertreibung, dem Hunger, den Naturkatastrophen, den unheilbaren Krankheiten, der Ungerechtigkeit, dem Leiden der Unschuldigen?
Da ist der Schrei des Angenagelten, der in seiner Verzweiflung gequält den Anfang von Psalm 22 hervorstößt:
,,Mein Gott, mein Gott, warum ...?,,
Das Kreuz, es zeigt den nach außen Gescheiterten, den Gehängten, den Hängengelassenen.
Das mosaische Gesetz bestimmt bezüglich der Bestattung von Hingerichteten:
,,Wenn jemand ein Verbrechen begangen hat, auf das die Todesstrafe steht, wenn er hingerichtet wird und du den Toten an einen Pfahl hängst (Anm.: zur Abschrekkung), dann soll die Leiche nicht über Nacht am Pfahl hängen bleiben, sondern du sollst ihn noch am gleichen Tag begraben; denn ein Gehenkter ist ein von Gott Verfluchter." (Dtn 21,22f)
Und doch wird das Marterinstrument für die Christen zum Zeichen der Hoffnung. Paulus schreibt in seinem ersten Brief an die Korinther: ,,Die Juden fordern Zeichen, die Griechen suchen Weisheit. Wir dagegen verkündigen Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein empörendes Ärgernis, für Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber ... Gottes Kraft und Weisheit." (1 Kor 1,22-24) Auch die frühe Christenheit mußte erst langsam lernen, mit der unglaublichen Zumutung und Provokation eines am Galgen endenden Erlösers umzugehn.
Nein, das Kreuz ist kein bequemes Zeichen der Hoffnung- auch für mich als Christen nicht.
Curt Cheauré
Die Klassen - eine 10., eine 11., eine 13.- lauschen fasziniert einer uralten Geschichte:
Eine reiche römische Frau fragte den Rabbi Jose ben Chalafta: In wieviel Tagen hat Gott seine Welt erschaffen? Der Rabbi antwortete: In sechs Tagen. Die Frau fragte weiter: Und was tut er seitdem? Rabbi Jose erwiderte: Er bringt die Ehepaare zusammen. Das kann ich auch, versetzte die reiche Römerin: Ich habe sehr viele Knechte und Mägde, aber in einer knappen Stunde kann ich sie zur Ehe verbinden! Rabbi Jose sprach: Das kann leicht sein in deinen Augen, für Gott jedoch ist es so
schwierig wie das Spalten des Schilfmeers! Danach verließ der
Rabbi die Frau und ging. Was tat diese? Sie nahm tausend Knechte und tausend
Mägde, stellte sie in einer Doppelreihe auf und befahl: Der und der
soll die und die heiraten! Und so verband sie alle in einer Nacht zur Ehe.
Am Morgen kamen die verheirateten Knechte und Mägde zu der reichen
Römerin: dem einen war der Kopf zerschlagen, dem anderen war ein Auge
ausgerissen, dem dritten ein Fuß gebrochen. Der eine sagte: Die will
ich nicht, und jene sagte: Den will ich nicht. Bestürzt schickte die
Frau einen Boten zu Rabbi Jose ben Chalafta und lies ihn holen. Sie sprach
zu ihm: Eure Tora ist wahr brauchbar und entspricht den Lebensumständen.
Alles, was du gesagt hast, hast du richtig gesagt! Rabbi Jose jedoch erwiderte:
Ich habe somit recht behalten. Wenn das Schließen der Ehen auch leicht
ist in deinen Augen, für Gott ist es so schwierig wie das Spalten
des Schilfmeers!
Heiratsvertrag (Ketuba)
Die Aufmerksamkeit
Die Aufmerksamkeit der Schülerinnen hatte einen bestimmten Grund. Es war nicht die Begeisterung für andere Religionen oder speziell für das Judentum. Behandelt man eine davon als geschlossenes Thema in mehreren aufeinanderfolgenden Unterrichtseinheiten und kündigt dies in der Stunde an, sinken zuweilen die Köpfe auf die Ellbogen oder es werden gelangweilte Kommentare laut: Schon wieder! Haben wir schon zweimal gemacht! Höchstens für das Judentum zeigt sich gelegentlich pflichtschuldiges Interesse, das man dem Thema ,,nach Auschwitz" entgegenzubringen hat. Die Aufmerksamkeit hatte also einen anderen Grund.
Das Thema der Stunde lautete nämlich:
Was erwarte ich von meinem Partner in einer Freundschaft oder Partnerschaft?
Ein Lebensthema also, ganz nahe an der persönlichen Lebensgeschichte der jungen Leute. In der ersten Reihe saß eine Schülerin im sechsten Monat. Besonders sie wußte, daß nicht die Partnersuche, sondern eher das Partnerfinden das eigentliche Problem ist. Wer paßt zu mir? Mit wem will ich zusammenbleiben? und: Wer bin ich selbst, damit ich die zwei ersten Fragen überhaupt beantworten kann? Fragen also, die zunächst wenig mit Fremdreligionen und Glaubensunterschieden zu tun haben. Kann man nun in einem solchen Zusammenhang didaktisch verantwortet den Lernbereich Judentum' einbeziehen? Führt dies nicht zu einem unübersichtlichen Gemenge von verschiedenen Lernzielen; hier die ethisch verantwortete Gestaltung des persönlichen Lebensraumes, dort die Vermittlung fremder religiöser Einstellungen und Gebräuche?
Die Lebendigkeit des Judentums
Religionen und da besonders das Judentum! sind primär keine theoretisch-theologische Gedankenkonstruktionen. Entwickeln sie sich dahin, dann liegen sie im Sterben. Das Judentum zeigt wie das Christentum auch gelegentlich solche Tendenzen. Wo es aber wirklich praktiziert wird, da bewirkt es eine Lebenshaltung und Lebensgestaltung, die eine unverrückbare Basis haben: das Hören auf die Tora und das Bekenntnis des Einen Gottes. Ganze Traktate, also Bücher des Talmud, sind deshalb einzelnen wichtigen Lebensgebieten gewidmet, so zum Beispiel der Band Kidduschin dem Thema Partnerschaft und Ehe. Und darüber hinaus gibt unzählige Geschichten und Anekdoten, die der jüdische schriftgelehrte Rabbi über das Leben zu erzählen weiß. Er lebt nämlich seinen Glauben und hat mit jüdischen Menschen zu tun, die dasselbe wollen, und die er auf ihrem Weg zu begleiten hat. Diese Beobachtung der Lebendigkeit jüdischen Lebens lädt geradezu ein, die oben versuchte didaktische Verknüpfung von persönlichem Lebensbereich und Judentum zu vollziehen. Ich gewinne dadurch dreierlei:
1. einen lebensnahen und deshalb sachgemäßen Zugang zum jüdischen Glauben,
2. eine Vertiefung der Reflexion des behandelten Lebensgebietes,
3. die Bereitschaft der Schülerinnen. über ein solches lebensorientiertes Judentum mehr mehr zu erfahren.
Dieser letzte Punkt eröffnet einen besseren Zugang zur systematischen Betrachtung des Judentums als bisher: die Neugier der Schülerinnen auf all die anderen interessanten Lebensbereiche:
Feste des Lebenslaufs wie Taufe/Beschneidung, Konfirmation/Bar bzw. Bat Mizwa, Hochzeit/Kidduschin. Feste der religiösen Gemeinschaft wie Neujahr/Rosch Haschana, Fasching/Purim, Karfreitag/Jom Kippur, Ostern/Pässach usw.
In der Synagoge
Schließlich kommt es zur Begegnung mit jüdischen Gläubigen in der Synagoge, die sich zu einer Führung und zum Gespräch bereit erklären. Zum Glück gibt es solche Menschen, gerade in Würzburg. Der Vorsitzende der lsraelitischen Kultusgemeinde, die sich in der Synagoge in der Valentin-Becker-Straße versammelt, hat jahrzehntelang den Weg zum Kennenlernen des Judentums für viele christlichen Schülerinnen eröffnet. Sprichwörtlich sind David Schusters Geduld beim Erklären, seine Warmherzigkeit, sein Witz und Humor. Mit einem Lachen verlassen Schülerinnen die Synagoge, wenn der klein gewachsene Mann auch sich selbst humorvoll sieht: Wenn euch einer fragt, wie die Juden sind, sagt nicht: alle Juden sind klein! Nur weil ihr mich gesehen habt!
Dr. Richard Weißkopf
evangelischer Pfarrer m Schuldienst
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geändert am 06. Dezember 1996 durch U. Tutschku