
Inhaltsverzeichnis Jahresbericht 1995 /96
Im Geiste Franz Oberthürs
Ohne Zweifel war die Feier zm 250. Geburtstag unseres Namenspatrons Franz Oberthür der Höhepunkt des Schuljahres 95/96 in unserem Hause. Zahlreiche Gäste aus Politik, Wirtschaft, Verwaltung und der Kirchen hatten uns an diesem 4. Dezember 1995 die Ehre erwiesen und waren unserer Einladung gefolgt.
Da die Festveranstaltung in einer eigenen Broschüre gewürdigt ist, müssen wir an dieser Stelle nicht näher darauf eingehen.
Denkwürdiges Ereignis also Anlaß zur Standortbestimmung, diese Geburtstagsfeier,denn für Franz Oberthür hatten sich die Verantwortlichen bei der Stadt Ende der 50-er Jahre nicht umsonst entschieden, als sie nach einem Namenspatron für die im Frauenland neu entstehende gewerbliche Berufsschule Ausschau hielten.
Den Festvortrag an jenem Dezembervormittag hielt Domkapitular Dr. Jürgen Lenssen von der Diözese, der sich mit Leben und Werk seines früheren Amtsvorgängers - auch Oberthür war ja bekanntlich Domkapitular gewesen - auseinandersetzte und dabei versuchte, Oberthürs Botschaft in die Gegenwart zu übertragen. "Die von Oberthür geförderte Bildung des Jugendlichen schließt alle Dimensionen des Lebens ein," sagte Lenssen. Eingebunden darin also auch die berufliche, vornehmlich die handwerkliche Ausbildung! Die Äußerung des Menschen in seinem beruflichen Wirken stehe für Oberthür gleichwertig neben anderen Möglichkeiten, diese Welt über den eigenen Lebensraum verantwortungsbewußt mitzugestalten. "Die in unseren Tagen vielfach gezogene Trennung zwischen dem Beruf auf der einen und weiteren Lebensräumen auf der anderen Seite war Oberthür fremd", erklärte Lenssen.
Wie modern der Bildungsreformer Oberthür bereits vor rund 300 Jahren dachte, wird deutlich, wenn man sich zeitgemäß Bildungspostulate vor Augen hält: Da ist zunächst die von Oberthür vertretene Vorstellung von der Gleichwertigkeit der Bildungsgänge, die der "handwerklichen Ausbildung" eine ebenso große Bildungseffizienz einräumt wie der gymnasial-akademischen.
Wo stehen wir heute mit der Verwirklichung dieses Postulats? Formal hat sich in den letzten Jahren in der Tat einiges nach vorn bewegt. Die Berufsschule vergibt bei Erfüllung ganz bestimmter Leistungsbedingungen die mittlere Reife, an der Berufsoberschule kann die allgemeine Hochschulreife, durch den Besuch der Technikerschule die Studierfähigkeit für die Fachhochschule erworben werden. Das gesamte berufliche Schulwesen ist so angelegt, daß keiner der gewählten Wege in einer Sackgasse endezt. Die Vielfalt der Möglichkeiten drückt sich gerade in einem Berufsbildungszentrum von der Größenordnung der Franz-Oberthür-Schule besonders deutlich aus.
Dennoch, so richtig verankert in den Köpfen und Herzen der Menschen ist diese Gleichwertigkeit noch lange nicht. Immer wieder stößt man auf Formulierungen, die dies deutlich machen: Vom "zweiten Bildungsweg" ist die Rede oder davon, daß man das Abitur "nachholen" wolle in der BOS. Noch immer also gilt einer breiten Öffentlichkeit der Weg über das Gymnasium als der "Königsweg der Bildung", noch immer vertrauen viel zu wenige Eltern begabte Kinder dem beruflichen Bildungsgang an, und dies vielfach nur dann, wenn es auf dem anderen Wege nicht geklappt hat. Vielleicht müssen wir noch mehr Aufklärung über die Chancen beruflicher Bildungsgänge betreiben; breiten Kreisen sind sie offenbar nicht bewußt.
"Bildung schließt alle Dimensionen des Lebens ein Franz-Oberthür und meint damit - seiner Zeit unendlich weit voraus - nicht anderes als die von der modernen Berufspädagogik geforderte Ganzheitlichkeit. Fächerübergreifender Unterricht und der Erwerb von Schlüsselqualifikationen sind bestimmende Elemente und eindeutige Ziele unserer heutigen Lehrpläne, Fremdsprachen- oder Sozialkompetenz haben bei der Ausbildung einen ähnlich hohen Stellenwert wie die Fachkompetenz. Berufsbildung also ist also um ein Vielfaches mehr als die Vermittlung von Fachkenntnissen und Fertigkeiten, sie erfaßt den ganzen Menschen und vermittelt ihm Werte und Tugenden, ohne die eine moderne Gesellschaft bald in Schwierigkeiten geriete.
Noch immer hat man in den letzten Jahrzehnten die Dinge so betrachtet, vielfach wurde Berufsbildung einzig unter der Brille reiner Nützlichkeit und Zweckbestimmtheit gesehen. Oberthür aber war von hochmodernen Bildungsvorstellungen "besessen". Wir identifizieren uns noch nach 200 Jahren mit seinen Postulaten und sind stolz darauf, daß unsere Schule seinen Namen trägt.
Gerade in der Bildungsbranche aber bedeutet richtige Erkenntnis noch längst nicht folgerichtiges Handeln: die Umsetzung vieler sinnvoller Berufsbildungsmaßnahmen muß derzeit auf der Strecke bleiben, weil unser Gemeinwesen in die mageren Jahre geraten ist. Dennoch dürfen wir an der Franz-Oberthür-Schule nicht undankbar sein. Nach besten Kräften hat der Schulträger, die Stadt Würzburg, in der jüngsten Vergangenheit versucht, seinem Bekenntnis zu Franz Oberthür gerecht zu werden. In weitblickender Weise hat er die in einen technischen Stand versetzt, der sich weiß Gott sehen lassen kann. Damit wäre die Franz-Oberthür-Schule durchaus in der Lage, die Verantwortung für die Berufsausbildung auch allein zu übernehmen, würde die Wirtschaft das Angebot an Ausbildungsplätzen weiterhin verknappen.
Wir sagen Ja zum dualen Ausbildungssystem, das haben wir in der Vergangenheit hinlänglich bewiesen, wir sagen dieses Ja aber nicht um jeden Preis. Ausbildungswillige junge Menschen ohne Perspektiven im Regen stehen zu lassen, dies erschiene uns als ein zu hoher Preis.
Oberthürs Bildungsziele wären bei einer Berufsfachschul-Ausbildung mindestens ebenso gut zu erreichen, wie in dualer Form, da sind wir uns ganz sicher. Dafür gibt es sowohl im Inland als auch bei unseren EU-Nachbarn genügend Belege.
Kollegium und Leitung der Franz-Oberthür-Schule wünschen sich, in Zukunft durch verbesserte Rahmenbedingungen noch mehr Gelegenheit zu erhalten junge Menschen im Geiste des verdienten Namenspatrons zu erziehen. Der Stadt Würzburg, der Region Unterfranken sowie dem Freistaat Bayern bekäme dies nicht schlecht.
Hermann Sauerwein
Oberstudiendirektor
Foto: Ruppert
Bei der Jubelfeier anläßlich des 250. Geburtstages von Franz Oberthür am 4. Dezember 1995, von links: Senator und Präsident der Handwerkskammer Unterfranken Walter Stoy, der die Franz-Oberthür-Plakette für seine Verdienste um die berufliche Bildung überreicht bekam, Schauspieler
Rainer Maria Binz, der in Kostüm und Maske Oberthürs Rede zur Gründung des "Polytechnischen Zentralvereins" vortrug, Domkapitular Dr. Jürgen Lenssen, der die Festrede hielt, Würzburgs Oberbürgermeister Jürgen Weber und OStD Hermann Sauerwein, der Leiter der Franz-Oberthür-Schule.
Inhaltsverzeichnis Jahresbericht 1995 /96
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geändert am 01. Dezember 1996 durch U. Tutschku