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Institut für deutsche Sprache
Sprachreport
4/96

Duden und Bertelsmann

Vom rechten Schreiben eines Wörterbuchs zu einer neuen Orthographie

von Hartmut Günther

 

Editorial

Mit den verspäteten Diskussionen um die längst beschlossene Neuregelung der deutschen Rechtschreibung wird auch den Rechtschreibwörterbüchern erhöhte Auf merksamkeit geschenkt, die diese Neuregelung bereits umsetzen. Es sind dies vor allem:

  • Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache. 21., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Herausgegeben von der Dudenredaktion. Auf der Grundlage der neuen amtlichen Rechtschreibregeln. Mannheim/Leipzig/Wien/Zürich. Dudenverlag. 1996. 910 S. (Duden Band I)

  • Die neue deutsche Rechtschreibung. Verfasst von Ursula Hermann. Völlig neu bearbeitet und erweitert von Prof. Dr. Lutz Götze. Mit einem Geleitwort von Dr. Klaus Heller. Gütersloh. Bertelsmann Lexikon Verlag. 1996. 1040 S.

Mit der Prüfung dieser Rechtschreibwörterbücher wird sich auch die "Kommission für die deutsche Rechtschreibung" befassen, die demnächst beim Institut für deutsche Sprache eingerichtet wird, ein Gremium aus 12 von ihren Staaten beauftragten Experten. Im Folgenden veröffentlichen wir einen Vergleich von Hartmut Günther.

Gerhard Stickel, Direktor des Instituts für deutsche Sprache, Mannheim.

 

Die Orthographiereform 1998

Nach langem Ringen wurde am 1.7.1996 in Wien ein Abkommen der deutschsprachigen Staaten unterzeichnet, durch das die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung gemäß einem von einer internationalen Kommission vorgelegten Regelwerk mit Wörterverzeichnis beschlossen wurde, die am 1.8.1998 mit einer Übergangszeit von sieben Jahren in Kraft treten soll. Wie 1901 bei der damals beschlossenen ersten amtlichen Regelung der deutschen Orthographie weiß auch 1996 noch niemand so recht Bescheid, obwohl das alles so lange öffentlich diskutiert worden ist. Literaturverleger fürchten um ihre Klassikerausgaben, Untergangsphilosophen predigen das Ende der deutschen Sprache, Poeten sehen ihre Intimsphäre verletzt, Lehrer mögen das alles nicht ausbaden müssen, Beamte sehen den finanziellen Ruin, Radikale vermissen die Revolution, eine bekannte Wochenzeitschrift verweigert sich, und in Kleinstadtzeitungen wird Unfug wie "Der Inscheniör gibt der Schemickerin einen Kuss" als die neue deutsche Otto Graf i verkündet. Ein Wörterbuch muss her, rasch - und nun haben wir sogar deren zwei. Direkt zur Unterzeichnung des zwischenstaatlichen Abkommens erschien bei Bertelsmann Die neue deutsche Rechtschreibung - hinfort abgekürzt Bert.1 Etwa sechs Wochen später folgte der neue Duden - hinfort abgekürzt Dud.2

Beide Wörterbücher erweisen die lexikographische Kompetenz der produzierenden Verlage. Sie sind im gleichen Format solide gebunden. Dud. erscheint im gewohnten Gelb-Rot-Schwarz, Bert. weiß mit einem breiten lila Streifen sowie ein bisschen Rot. Beide Wörterbücher enthalten knappe Hinweise für den Benutzer über den Aufbau der Einträge, eine Zusammenfassung der wichtigsten Änderungen sowie die neuen Rechtschreibregeln im Wortlaut (in kaum lesbarer 8-Punkt-Schrift); beiden Wörterbüchern fehlt das offizielle Wörterverzeichnis, das Bestandteil der Neuregelung ist. Zum eigentlichen Wörterbuchteil hinzu kommt bei Bert. eine kurze Darstellung der Geschichte der deutschen Rechtschreibung sowie ein Abriss der deutschen Grammatik, mit 68 Seiten etwas üppig ausgefallen, auf den aus dem Wörterverzeichnis verwiesen wird, z. B. für Konjugationstabellen. Bei Dud. finden wir neben dem am Ende abgedruckten offiziellen Regeltext auch eine eigene Darstellung der deutschen Rechtschreibregeln sowie Richtlinien für den Schriftsatz und Hinweise für das Maschineschreiben. Das Wörterverzeichnis von Bert. ist knapp 900 Seiten stark, das von Dud. knapp 800 Seiten, aber etwas kleiner gedruckt. Bert. kostet 19,90 DM, Dud. 38 DM. Dazu gibt es beide auf CD-ROM für 39,90 DM (Bert.) bzw. 78 DM (Dud.).

Bevor man die beiden Wörterbücher vergleicht, sollte überlegt werden, wie ein orthographisches Wörterbuch aussehen sollte, das der Aufgabe gerecht werden will, die neue Rechtschreibung erfahrbar zu machen. Zumindest die folgenden Anforderungen müssen gestellt werden:

(1) Das Wörterbuch muss vollständig sein, d. h. dass alle Schreibungen gebräuchlicher Wörter durch den Benutzer problemlos gefunden oder erschlossen werden können. Dazu gehören auch Namen und geographische Bezeichnungen, Fremdwörter und Abkürzungen.

(2) Die Angaben müssen richtig sein, d. h. es dürfen keine Schreibungen angegeben werden, die nach den Regeln unzulässig sind, und es müssen alle zulässigen Schreibungen aufgeführt werden.

(3) Das Wörterbuch muss durchgehend den Bezug auf das amtliche Regelwerk deutlich machen, damit die orthographischen Regeln transparent und verständlich werden und bleiben.

(4) Das Wörterbuch muss benutzerfreundlich sein. Benutzer sind zunächst solche, die die alte Rechtschreibung gelernt und internalisiert haben, aber zunehmend auch solche, die nach der neuen Rechtschreibung lernen.

 

Vollständigkeit

Die Erklärung, warum ein Wörterbuch niemals vollständig sein kann, gehört zu den Grundbestandteilen jedes linguistischen Einführungskurses. Trotzdem können Wörterbücher entsprechend bestimmter Kriterien mehr oder weniger vollständig sein. Beim Vergleich von Bert. und Dud. fallen folgende Punkte auf:

In einer Sprache mit produktiven Wortbildungsmustern werden ständig Wörter neu gebildet, die noch nicht im Wörterbuch stehen können, wie etwa das Unbetüpfelbarkeitssyndrom, mit dem ich seit Jahren die erste Sitzung von Wortbildungsseminaren bestreite. Dud. ist beim Verzeichnen von Ableitungen und Komposita erheblich ausführlicher als Bert.; z. B. findet man hier ca. 450 Partikelverben mit ab-, Bert. dagegen enthält nur etwa 260. Sicherlich mag man fragen, ob z. B. abfliegen oder abwaschen in einem Rechtschreibwörterbuch enthalten sein müssen, weil die Zusammensetzung aus ab- und fliegen bzw. waschen evident ist. Abchecken und andocken aber (beide fehlen in Bert.) sind sicherlich notwendig, weil hier der Stamm als Verb nicht vorkommt; ähnliche Beispiele finden sich bei allen Präfix- und Partikelverben.

Weniger klar ist, wieviele Ableitungen mit Suffixen und Zusammensetzungen wirklich aufgeführt werden müssen, die regulär gebildet sind. Wenn Dud. neben den entsprechenden Verben auch Eskalierung und Eskortierung anführt, die Bert. nicht verzeichnet, so kann dies durch die Großschreibung motiviert sein; warum aber dem Trinker auch noch die Trinkerei beigegeben ist und neben dem Trinkglas auch noch Trinkgefäß, -horn, flasche, -becher und -schale auftauchen, ist unklar (alle fehlen in Bert.). Bei Personenbezeichnungen verzeichnet Dud. fast immer auch die weibliche Form, z. B. die Estin (die das Wortnest zu Estland anführt; der Este steht 3 Lemmata abseits, weil sich das Homonym Ester dazwischenschiebt), die Esperantologin sowie die Trinkerin. Bei Bert. dagegen gibt es zwar schon auch die Lehrerin und die Professorin, aber die Stenografin fehlt und die Esperantologin schon gar - weniger häufige Personen sind hier immer nur männlich. Dafür wird in den Erläuterungen bei Bert. meist die Form er/sie gewählt (s. unten das Beispiel Katarrh), während Dud. durchgehend maskulin konjugiert: er frisst, nicht sie.

Im Bereich der Namen ist Dud. vollständiger als Bert. Am Ende von Buchstabe E z. B. fehlen Bert. gegenüber Dud. u. a. Esau, Esra, Est(h)er, Eugen, Eugenie, Euklid, Euripides, Evelyn. Namensschreibungen aber sind eine ureigene Angelegenheit von Rechtschreibwörterbüchern, eben weil sie idiosynkratisch sind. Natürlich kann ein Rechtschreibwörterbuch nicht alle Personennamen und alle geographischen enthalten, und mancher Namensträger legt großen Wert darauf, sich nicht konform zu schreiben - aber ein brauchbarer Ausschnitt ist im Rechtschreibwörterbuch zweifellos vonnöten, insbesondere wenn die Schreibung nicht ableitbar ist (bei Esra könnte bisher Eßra, neu Essra erwartet werden, bei Esther ist die h-Schreibung strittig, bei Euklid ist das d nicht direkt ableitbar, usw.).

Auf den ersten Blick enthält Bert. mehr Fremdwörter als Dud. Prüft man jedoch die einzelnen Belege nach, so handelt es sich fast durchweg um auch so gekennzeichnete veraltete Ausdrücke, deren Beleg in einem allgemeinen Rechtschreibwörterbuch entbehrlich zu sein scheint.3 Hier ist Dud. offenbar aktueller. Der Computer schließlich ist beiden Wörterbüchern noch ziemlich fremd, obwohl sie ohne ihn nicht hätten so schnell erscheinen können: Sie kennen u. a. keinen Buffer kein Mauspad (oder Mousepad), kein OCR, keine Sound- und auch keine Grafikkarte.

 

Richtigkeit

Soweit ich das überprüfen konnte, enthalten beide Wörterbücher keine falschen Angaben in dem Sinne, dass Schreibungen angegeben werden, die nach dem neuen Regelwerk unzulässig sind. In einer Reihe von Fällen mag man seine Zweifel haben, ob die Regeln richtig ausgelegt sind, aber das liegt wohl eher an gewissen Unklarheiten der neuen Regeln. Ein Rechtschreibwörterbuch muss aber auch alle möglichen Schreibungen aufführen. Dies ist, soweit ich das überprüfen konnte, in Bert. weitgehend durchgängig der Fall; Dud. dagegen genügt diesem Kriterium in grundsätzlicher Weise nicht.

Betrachten wir als Beispiel Wörter mit dem zweiten Bestandteil -graphie / -grafie, wo laut §32 des amtlichen Regelwerks beide Schreibungen möglich sind. Leider ist schon das Wörterverzeichnis des amtlichen Regelwerks hier nicht ganz stringent, weil bisweilen -graphie, bisweilen -grafie als Hauptvariante gilt, ohne dass die Wahl begründet würde. Bei Dud. aber wird die Sache vollends undurchsichtig. Wir finden u. a. die folgenden Lemmata: Agraphie; Demographie; Dialektgeographie; Geographie --> §32; Geografie eindeutschende Schreibung für Geographie ; Holographie; Lithografie eindeutschende Schreibung für Lithographie; Lithographie --> §32; Orthographie, auch Orthografie --> §32; Paläographie --> §32;4 Stenografie auch Stenographie; Telegrafie; Telegraphie siehe Telegrafie; Tomographie. Mit Ausnahme von Agraphie enthält Bert. in allen Fällen beide Varianten, wie es §32 des Regelwerks vorschreibt. Es gibt keinen Grund, in einigen Wörtern auf -graphie/-grafie die ph-Schreibung, in anderen die f-Schreibung allein zu verfügen, und in weiteren beide Schreibungen anzugeben. Dud. verfälscht hier das Regelwerk. Dies ist bedenklich; ein Schüler - und für ihn speziell gilt die Regelung der deutschen Orthographie -, der über Holografie schreibt, bekommt von der Dud. verwendenden Lehrerin einen Fehler angestrichen, sein über Telegrafie schreibender Mitschüler nicht; und in der anderen Schule, wo man Bert. verwendet, haben beide keinen Fehler gemacht. In alter, schlechter Tradition setzt Dud. eine Norm, wo es keine Norm zu setzen gibt: Im Regelwerk steht, dass -graph/-graf beide richtig sind und basta.5

Besonders krass differieren die Angaben der beiden Wörterbücher zur Worttrennung am Zeilenende. Stein des Anstoßes sind §112, wonach fremdsprachliche Zusammensetzungen, die als solche nicht (mehr) erkannt werden, auch nach Silben getrennt werden können, sowie §110, wonach Buchstabenfolgen mit l, n, r als letztem Buchstaben in Fremdwörtern entweder nach §108 (der letzte Konsonant kommt auf die letzte Zeile) oder nach der Fremdsprache getrennt werden können. Nun sind die Regeln in diesem Bereich so formuliert, dass man im Wörterbuch die Trennstellen überhaupt nicht angeben müsste6; wenn die Wörterbücher es aber tun, so sollten die Angaben den Regeln entsprechen. Als Beispiel betrachten wir mit ex- beginnende Wörter. Der Sachverhalt ist klar: ex- geht immer auf das griech./lat. Präfix zurück. In Wörtern wie ex/pandieren, Ex/krement, Ex/kurs, Ex/plosion, Ex/press, ex/tern gibt es aufgrund der Silbenstruktur keine Probleme, gleichgültig, ob ex- als Präfix erkannt wird oder nicht - und beide Wörterbücher machen das auch richtig. Bei Fällen wie ex/trahieren, ex/trem etc. sind auch die Trennungen ext/rahieren, ext/rem nach den Regeln zulässig, sofern das Präfix nicht erkannt wird.7 Bert. ignoriert das und führt immer nur die Präfixtrennung (ohne Regelverweis) auf. Dud. verhält sich ganz merkwürdig: Wir finden u. a. ext/ra, ext/raordinär, ext/rem, aber auch ex/trahieren. Besonders bemerkenswert ist, dass bei ex/plosibel mit roter Farbe auf §110 hingewiesen wird - was nur bedeuten kann, dass hier gemutmaßt wird, man könne auch exp/losibel trennen, was natürlich Unfug ist. Am wenigsten erkennbar ist das Präfix vor Vokal wie in Examen, Exemplar, Existenz, Exodus; auch hier sind laut Regelwerk immer zwei Trennungen möglich: Ex/emplar oder E/xemplar. In beiden Wörterbüchern geht es bei diesen Fällen munter durcheinander, wobei Bert. aber meistens beide Trennungen anführt. Dud. dagegen gibt grundsätzlich nur die Trennung des Vokals an, häufig ohne Regelverweis, z. B. E/xistenz, wohl ein Versehen ist daher Ex/artikulation. In dem Bereich der Worttrennung am Zeilenende wird die selbstherrliche Normsetzung auch explizit zugegeben; in den Hinweisen für die Wörterbuchbenutzung lesen wir: "Der Duden gibt in diesen Fällen bei den Stichwörtern nur die Variante an, die von der Dudenredation als die jeweils sinnvollere angesehen wird" (S. 12). Wieder in der alten Tradition unreflektierter Einzelfallregelung wird mal dies, mal das, mal jenes als "sinnvoller" angesehen und als "richtig" verkauft. Auf diese Art und Weise wird eine echte Vereinfachung, die im übrigen weitgehend der liberalen Regelung von 1901 (!) entspricht, systematisch unterlaufen und verunklart.

Ist schon der Bereich der Worttrennung am Zeilenende eigentlich ein Gebiet, das im Wörterbuch nicht unbedingt repräsentiert zu sein braucht, weil die Regeln eindeutig sind und alle Fälle erfassen, so gilt dies um so mehr für die Getrennt- und Zusammenschreibung (GZS). Leider ist dies schon im amtlichen Regelwerk nicht erkannt worden, und so sind hier die Unterschiede zwischen den Wörterbüchern groß - man kann eben syntaktische Funktionen nicht in lexikographischen Listen bestimmen. Die Glosse im Kasten macht das Dilemma bei der GZS deutlich. Dieses Problem ist nun allerdings durch den weitgehend missratenen Reformansatz überhaupt erst ausgelöst worden, in dem die eindeutige Tendenz zur Univerbierung der letzten 500 Jahre per Federstrich ausgelöscht werden soll. Da ich fest davon überzeugt bin, dass sich die Neuregelung mit ihrer weitgehend grundsätzlichen Getrenntschreibung trotz amtlichem Regelwerk und entsprechendem Schulunterricht nicht durchsetzen wird, will ich diesen Bereich hier nicht weiter kommentieren.

Bleibt der Bereich der Groß-/Kleinschreibung (GKS), wofür Ähnliches gilt. Groß geschrieben wird im Satzinneren nicht die Wortart Substantiv, sondern der expandierbare Kern der Nominalphrase, d. h. eine syntaktische Funktion.8 Der Drang, alles lexikographisch zu erfassen, führt nun im Zusammenspiel von GKS und GZS bei Dud. zum Anschwellen der angegebenen Einheiten, z. B. Kürlauf (Sport), das Kürlaufen, Kür laufen (Bert. hat nur Kürlauf); neu vermählt, Neuvermählte (Bert. hat nur neu vermählt). Das Problem besteht darin, dass bei solcher Vorgehensweise auch für, z. B., glatt schleifen ein Hinweis auf das Glattschleifen angebracht wäre. Die Unterschiede zwischen Bert. und Dud. im Bereich von GZS und GKS sind in der Tat Folge der unzureichenden Darstellung im Regelwerk; allerdings scheint mir hier die Darstellung von Dud. insgesamt hilfreicher.

 

Wiedergutmachung möglich?

Das haben wir doch wieder einmal gut gemacht - wir haben erst das amtliche Regelwerk zur neuen deutschen Orthographie beim Narr-Verlag gekauft, dann "Die neue deutsche Rechtschreibung" von Bertelsmann, und schließlich auch noch den neuesten Duden. Wie wir freilich zukünftig, wenn wir einen Fehler begangen haben, die Sache wieder ins orthographische Lot bringen können, ist dennoch zweifelhaft. Denn beim Nachschlagen empfahl uns der Duden, in der neuen Rechtschreibung die ganze Sache wieder gutzumachen. Das amtliche Regelwerk hat das Beispiel nicht, vermerkt aber, dass getrennt zu schreiben sei, wenn ein Adjektiv erweitert werden könne, mithin (schließen wir) müsste all das doch wieder gut zu machen sein. Das Wörterbuch von Bertelsmann freilich beschied uns, das sei (vielleicht überhaupt nicht mehr) wiedergutzumachen. Insofern ist es auch wieder ganz gut gemacht, dass die Reform erst im August 1998 in Kraft tritt, weil so noch Gelegenheit zur Wiedergutmachung besteht. Und wenn das nicht gelingt, ist es vielleicht doch sinnvoll, wenn wir diese Büchse der Pandora wieder gut zumachen.

 

Regelbezug

Bei aller berechtigten Kritik am Reformwerk, im Detail wie in systematischen Zügen, besteht unter Sprachwissenschaftlern und Praktikern wohl Konsens darüber, dass die Beschreibung der deutschen Orthographie bei einer Neufassung deutlich besser werden musste als der Regelteil des bisherigen Dudens. Ein Großteil der Rechtschreibprobleme und -unsicherheiten bei Schülern und Schreibern ist nachweislich der sprachwissenschaftlichen Unfähigkeit und (vielleicht unbewussten) normativen Hybris der Dudenredaktion in den letzten 40 Jahren geschuldet, insbesondere durch widersprüchliche Einzelfallregelungen, die auf einem nicht explizierten, diffusen "Sprachgefühl" basierten. Seminare zur deutschen Orthographie in den letzten 20 Jahren, ob sie von Gerhard Augst, Peter Eisenberg, Manfred Kohrt, Utz Maas, Christian Stetter, Hermann Zabel, von mir oder von anderen durchgeführt worden waren, hatten stets die gleiche Thematik: Aus dem verworrenen Geflecht unklarer Dudenregeln das eigentlich recht einfache deutsche Schriftsystem zu rekonstruieren. Das nun beschlossene Reformwerk ist gewiss kein großer Wurf, aber es ist ein klarer Fortschritt gegenüber den alten Dudenregeln. Vor allem ermöglicht es grosso modo das Erschließen von Schreibungen ohne Konsultation eines Wörterbuchs. Und das muss so sein, denn die deutsche Orthographie (wie übrigens auch die englische, französische und überhaupt jede) ist systematisch und regelbasiert organisiert - sonst könnte man sie nämlich nicht lernen.

In der ersten Auflage seines Wörterbuchs hatte Konrad Duden 1902 neben der Orientierung an den Bedürfnissen des Benutzers vor allem die Notwendigkeit betont, dass Struktur und Aufbau orientiert sein müssen am amtlichen Regelwerk. In diesem Sinne druckt Bert. deshalb das Regelwerk (mit viel zu kleiner Schrift) vollständig ab, ergänzt um Hinweise dazu, was sich ändert. Dud. dagegen orientiert sich geradezu ostentativ nicht am amtlichen Regelwerk. Stattdessen findet man einleitend (S.19-63) eine eigene Fassung der neuen Rechtschreibregeln, mit "Richtlinien zur Rechtschreibung, Zeichensetzung und Formenlehre in alphabetischer Reihenfolge" überschrieben. Begründet wird dies damit, dass bestimmte Dinge zwar für "den Rechtschreibtheoretiker wichtig, für den alltäglichen Umgang mit der Rechtschreibung aber wenig nutzbringend sind", und dass sich "die alphabetische Anordnung des Richtlinienteils ... in der Praxis bewährt" habe (S. 7f). Hier handelt es sich um bösartige Irreführung. Ein anständiger deutscher Staatsbürger nimmt Haltung an, wenn er den Ausdruck Richtlinien vernimmt, und hält sie selbstverständlich für maßgebend. Das sind sie nicht, die Dudenregeln - maßgebend ist allein der amtliche Regeltext.

Zudem ist die Organisation des Bezugs zum amtlichen Regelwerk in Dud. außerordentlich benutzerunfreundlich: Aus dem Wörterverzeichnis wird man zu den "Richtlinien" verwiesen, von dort zum Regelteil. Die Besprechung der Wörterbücher durch Dieter E. Zimmer9 enthält ein schönes Beispiel zur Schreibung Photo/Foto, wo der Informationssuchende im Zirkel zwischen Wörterverzeichnis, Duden-"Richtlinien" und amtlichem Regelwerk schließlich uninformiert steckenbleibt.

Außerdem sind die Regeln der "Richtlinien" z. T. schlichter Unfug, dazu nur zwei Beispiele: Duden-Regel 75 besagt, dass der erweiterte Infinitiv mit zu (ein Begriff, dessen Unbrauchbarkeit seit langem bekannt ist) zur Verdeutlichung durch Komma abgetrennt werden kann - §76 des Regelwerks kennt den Begriff nicht, handelt zu Recht nur von Infinitiven mit zu und Partizipialgruppen. Das lässt sich an dem berühmten Satz Wir rieten ihm zu folgen, der in jahrelanger Tradition vom Duden als falsches Beispiel für verdeutlichende Kommasetzung geführt worden war, exemplifizieren: Nach der noch gültigen Zeichensetzung muss in der ersten Lesart (man soll ihm folgen) ein Komma stehen, und in der zweiten (er soll folgen) darf keines stehen. Darin bestand ja - was keine Dudenredaktion je verstanden hat - der grammatische Witz der Kommasetzung beim Infinitiv. Nach der Neuregelung müssen Infinitive mit zu, ob "erweitert" oder nicht, grundsätzlich nicht mehr durch Komma abgetrennt werden, es kann aber zur Verdeutlichung eines gesetzt werden, und das heißt hier in beiden Lesarten.10

Zu Dudenregel 129 wird abschließend formuliert "Nachsilben, die mit einem Vokal beginnen, nehmen bei der Trennung den vorangehenden Konsonanten zu sich"; Beispiele sind z. B. Schaffne/rin, Lüf/tung. Weder ist der Un-Begriff "Nachsilbe" bestimmt, noch gesehen, dass sich diese Trennungen völlig problemlos aus dem Regelwerk ergeben. Eine freie Erfindung, deren Formulierung zudem höchst rätselhaft ist, stellt auch die Bemerkung in Dudenregel 130 dar, wo es heißt:"Stehen die Buchstabengruppen dsch oder tsch für Einzelbuchstaben aus fremden Sprachen [...], so sollen sie ebenfalls ungetrennt bleiben dürfen". Gemeint ist, dass man Fi/dschi, Tsche/tschene oder Fid/schi, Tschet/schene trennen kann - was das Regelwerk ohnehin vorsieht. Die Beispiele lassen sich fortführen.

Die Dudenredaktion behauptet hier eine orthographische Richtlinien-Kompetenz, die sie formal erfreulicherweise nicht mehr besitzt und die sie inhaltlich gesehen ohnehin nie besessen hat. Das zeigt sich auch daran, dass grammatische Erörterungen z. B. zur Flexion der Substantive auch Teil der "Richtlinien" sind, obwohl sie mit Rechtschreibung nichts, aber auch gar nichts zu tun haben. Bei Dud. soll man eben nicht nur nachschlagen können, wie richtig geschrieben wird, sondern auch, was richtiges Deutsch ist. Aber so etwas gehört in Duden Band 9 "Richtiges und gutes Deutsch" - ein Buch, das man für wichtig oder überflüssig halten kann, je nach persönlicher Situation, aber nicht in ein Rechtschreibwörterbuch. Denn die Ausbildung zum kompetenten Rechtschreiber besteht nicht darin, dass man ein Wörterbuch auswendig kennt, sondern darin, dass man weiß, wie man auch ein unbekanntes Wort schreiben muss. Deshalb sind diese verquasten Duden-"Richtlinien" ein unerträgliches Ärgernis.

 

Benutzerfreundlichkeit

Beide Wörterbücher verwenden rote Farbe zur Hervorhebung von Änderungen. Schon auf den ersten Blick fällt auf, dass Dud. erheblich mehr Rot verspritzt als Bert. Das liegt daran, dass Dud. bei Änderungen der Schreibung in den meisten Fällen das ganze Wort rot setzt, in roter Farbe auf eine Regelnummer hinweist, unter der ein bestimmter Sachverhalt erörtert wird, schließlich Wortteile rot färbt, an denen sich Worttrennung verändert. Bert. dagegen kennzeichnet Veränderungen nur mit einem dezenten roten wobei die Bedeutung dieses Zeichens auf der Fußzeile jeder Seite erläutert wird; außerdem wird bei der Worttrennung eine Veränderung der Trennstelle mit einem roten Trennstrich gekennzeichnet. Schließlich wird auf fast jeder Seite durch dünne rote Einkästelung eine spezielle und auf mehrere Fälle zutreffende Veränderung knapp erläutert, z. B.:

Katarrh ist die Haupt-, Katarrh ist die Nebenvariante

Die Unaufdringlichkeit der Auszeichnung der Veränderungen macht sich bei der Benutzung von Bert. sehr angenehm bemerkbar. Die speziellen Kästen zu generellen Problemen stören das Bild nicht und erweisen sich als besonders nützlich, auch wenn (oder gerade weil) die darin enthaltenen Texte sich vielfach wiederholen.

Schlussbemerkung

Ein wesentliches Ziel der Rechtschreibreform war es, durch die Beachtung der Sprachwirklichkeit und Entrümpelung der Dudenkasuistik eine Vereinfachung der Orthographie zu erreichen. Eine der häufigsten Bemerkungen zu den neuen Regeln, die ich von schreibenden Laien höre, ist die, dass nun endlich erlaubt sei, was man schon immer so geschrieben habe.

Ich bin hier nicht auf die vielen Kleinigkeiten eingegangen, die an zwei Schnellschusswörterbüchern ziemlich ärgerlich, aber wohl unvermeidlich und in Neuauflagen veränderbar sind; es ging mir um die große Linie. Lexikographische Schwächen, die Bert. vor allem im Bereich der Vollständigkeit aufweist, verschwinden hinter dem sichtbaren Bemühen, die Reform tatsächlich umzusetzen. Dabei ist Bert. nicht nur in der Regelverweispraxis, sondern auch in der typographischen Auszeichnungsweise erheblich benutzerfreundlicher.

Dud. dagegen möchte weiterhin normierend auf den Schreibusus einwirken und beansprucht damit eine Rolle, die ihm nicht zusteht. Das zeigt sich an der ungenügenden Ausweisung von Varianten im Fremdwortbereich, an der Festlegung auf jeweils nur eine Worttrennung sowie an den vielen Eigenmächtigkeiten in den sog. "Richtlinien". Solange diese gravierenden Probleme nicht beseitigt sind, scheint mir die Zulassung des Rechtschreibdudens zum Gebrauch an Schulen und Behörden schlechterdings nicht möglich, weil sie zu Rechtsproblemen führen muss (vgl. das Beispiel Holographie/ Telegraphie oben).

Dieter E. Zimmer hat in seiner Besprechung von Dud. und Bert. die Befürchtung geäußert, dass aufgrund so vieler Differenzen in zwei Rechtschreibwörterbüchern die Einheitsschreibung, und damit wohl die deutsche Orthographie als solche, gefährdet sei. Ich teile diese Angst nicht. Ganz im Gegenteil wird - gewiss nicht im Sinne der Erfinder - die neue deutsche Orthographie dazu beitragen, damit etwas unverkrampfter umzugehen als bisher. Die Einheit der deutschen Orthographie war ja 1901 schon über 100 Jahre existent - sie wurde damals nur kodifiziert. Der Prospekt, die unsichtbare Hand11 weiter am Werk zu sehen, die neue Kodifikation behutsam zu verändern, ist ein in jedem Sinne erfreulicher. Dabei wird in einzelnen Bereichen immer der eine so, der andere so schreiben, wenn sich Regelkonflikte ergeben, die in der Sprache gang und gäbe sind. Damit kann man dann wirklich sinnvoll den Lernbereich Reflexion über Sprache bestreiten. Und der Kollege Computer kommt mit den Verschiedenschreibungen ja ohnehin schon viel länger zurecht, als Orthographen und Wörterbuchmacher glauben.

    Anmerkungen

  1. Die neue deutsche Rechtschreibung. Verfasst von Ursula Hermann, völlig neu bearbeitet und erweitert von Prof. Dr. Lutz Götze, Gütersloh: Bertelsmann Lexikon Verlag 1996. Das Buch basiert auf dem Knaur Rechtschreibwörterbuch von 1974.

  2. Die deutsche Rechtschreibung. Der Duden in 12 Bänden Bd. 1.21., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Herausgegeben von der Dudenredaktion auf der Grundlage der neuen amtlichen Rechtschreibregeln. Mannheim 1996.

  3. Die deutsche Rechtschreibung, Der Duden in 12 Bänden Bd. 1. 21., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Herausgegeben von der Dudenredaktion auf der Grundlage der neuen amtlichen Rechtschreibregeln. Mannheim 1996.

  4. Es ist zu vermuten, dass sie der doch über 20 Jahre alten lexikographischen Basis geschuldet sind (vgl. Anmerkung 2).

  5. Das ist ein besonderes Ärgernis: Im Wörterverzeichnis des amtlichen Regelwerks wird über haupt nur paläografisch aufgeführt, die (mutmaßliche) Hauptvariante paläographisch fehlt.

  6. Eine andere Frage ist es, welche Wahl der Schreiber trifft. So ist zweifellos in der neuen Orthografie diese Schreibung zulässig - doch gefällt es mir wenig, -grafie in einem Wort mit f zu schreiben, in dem auch ein th zu finden ist. Dies scheint mir eines von vielen Argumenten dafür zu sein, die Unterscheidung von Haupt- und Nebenvarianten aufzugeben - die soll die unsichtbare Hand (s. Anmerkung 11) selbst bestimmen dürfen. Ein Beschluss dazu könnte ein erster sinnvoller Akt der zwischenstaatlichen Kommission beim IDS sein. Aber wie man weiß, haben die Kultusbeamten etwas dagegen.

  7. Grosso modo, vgl. die Auseinandersetzung Günther/Augst in Deutsche Sprache 18/1990, 193206 und 20/1992, 244-254.

  8. Altsprachlern sträuben sich hier natürlich die Haare, aber sie sind ja auch eine aussterbende Spezies. Vielleicht hätte sich dieses Problem vermeiden lassen, wenn die amtlichen Regeln eine Liste der Präfixe enthalten hätte - das freilich hätte möglicherweise in anderen Fällen wie Examen Probleme herbeigeführt, weil dann dort gegen die systematische Grundregel (Silbe) getrennt werden müsste.

  9. Vgl. Utz Maas, Grundzüge der deutschen Orthographie. Tübingen: Niemeyer 1992.

  10. Vgl. Dieter E. Zimmer, Beschreibung eines Kampfes. Die Zeit 40/1996 vom 27.9.96, S. 57f. Es handelt sich um den mit Abstand kompetentesten Vergleich der beiden Wörterbücher, der bisher in der Presse erschienen ist.

  11. Damit ist übrigens nicht gesagt, dass mir die Neuregelung gefällt, ganz im Gegenteil ist das, was hier gemacht wurde, fahrlässig, weil eine eigentlich völlig klare Angelegenheit nur deshalb "vereinfacht" wurde, weil man sie nicht verstanden hat - aber man darf ja "verdeutlichend" nach wie vor die Kommata beim Infinitiv dorthin setzen, wo sie hingehören.

  12. Vgl. Rudi Keller, Sprachwandel. Von der unsichtbaren Hand in der Sprache. Tübingen: UTB 1990.

Der Autor ist Professor für germanistische Linguistik an der Universität Köln.

 


Sprachreport 4/96,   Institut für deutsche Sprache

 

   Der Originaltext wurde durch Hyperlinks und die folgende Gegenüberstellung erweitert.

Duden

Bertelsmann

Kom|po|si|tum, das; -s Plur. ...ta, selten ...siten (Sprachw. [Wort]zusammensetzung, z. B. "Haustür") Kom|po|si|tum s. Gen. -s Mz. -ta zusammengesetztes Wort, z. B. Schulkind; Ggs.: Simplex
Lem|ma, das; -s, -ta (griech.) (Sprachw. Stichwort; Logik Vordersatz eines Schlusses; veraltet für Überschrift) Lem|ma [griech.] s. Gen -s Mz. -ma|ta 1 veraltet: als Überschrift oder Motto ausgedrückter Inhalt eines Werkes; 2 Hilfssatz, Annahme, Vordersatz eines Schlusses; 3 Stichwort (in einem Lexikon oder Wörterbuch)
Ho|mo|nym, das; -s, -e (Sprachw. Wort, das mit einem anderen gleich lautet, z. B. "Heide" = Nichtchrist u. "Heide" = unbebautes Land) Hom|o|nym auch: Ho|mo|nym Wort von gleicher Lautung, aber verschiedener Herkunft und Bedeutung, z. B. der Heide, die Heide; vergl. Homophon
To|mo|gra|phie, die; - (griech.) (schichtweises Röntgen) To|mo|gra|phie auch: -gra|fie [griech.] schichtweise Röntgenaufnahme
Pan|do|ra (griech. Mythol. die Frau, die alles Unheil auf die Erde brachte); die Büchse der - Pan|do|ra griech. Myth.: Frau, die in einer Büchse alle Übel auf die Erde brachte; Büchse der P. übertr.: Quelle allen Übels
 
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