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Quelle: DER SPIEGEL 41/1996

R e c h t s c h r e i b r e f o r m

"Nach Belieben"

Hessens sozialdemokratischer Kultusminister Hartmut Holzapfel, 52, über den Duden als Regelwerk für die neue Rechtschreibung.

SPIEGEL: Die Rechtschreibreform sorgt für Verwirrung an den Schulen: Welches Regelwerk empfehlen Sie den Lehrern?

Holzapfel: Jedenfalls nicht den Duden in seiner neuesten Fassung. Der vermischt die neuen amtlichen Regeln mit eigenen Empfehlungen in einer Weise, die für den Benutzer schwer durchschaubar ist.

SPIEGEL: Haben Sie dafür eine Erklärung?

Holzapfel: Der Redaktion fällt es wohl schwer, Abschied zu nehmen von der Zeit, in der sie die oberste Instanz für die Rechtschreibung war. Deswegen setzt sie die Neuregelung teilweise nach Belieben, teilweise sogar falsch um.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Holzapfel: Bei der Kommasetzung entfällt künftig die Unterscheidung zwischen "einfachem" und "erweitertem" Infinitiv. Der Duden ignoriert dies einfach. Es wird wohl auch nur wenige überzeugen, daß man in Zukunft angeblich ext-ra trennen muß.

SPIEGEL: Büßt der Duden damit seine Monopolstellung als maßgebend in allen Zweifelsfällen ein?

Holzapfel: Juristisch ist der Duden dies seit der Vereinbarung über die Rechtschreibreform der deutschsprachigen Länder vom Juli 1996 ohnehin nicht mehr. Mit der Neuauflage ist er es auch sachlich-fachlich nicht mehr.

SPIEGEL: Welchen Kauftip geben Sie ratlosen Lehrern und Schülern jetzt? Die können doch nicht Jahre warten.

Holzapfel: Es gibt ja eine Alternative aus einem Gütersloher Verlag, die diese gravierenden Mängel nicht aufweist. Dem Duden empfehle ich, seine Auflage zurückzurufen und allen Käufern eine korrekte Neuauflage im Austausch anzubieten. Nach diesen Erfahrungen plädiere ich auch dafür, daß die Kultusminister die Wörterbücher bewerten müssen. Bei den Schulbüchern gibt es das ja bereits.



Bei aller sonstigen Skepsis gegenüber gewissen Verlautbarungen der bundesrepublikanischen Kultusbürokratie werde ich persönlich daraus die Konsequenz ziehen, meinen Schülerinnen und Schülern die Anschaffung des DUDEN vorerst nicht zu empfehlen.

Allein schon angesichts der kommerziellen Bedeutung dürften diese Aussagen ein nicht unerhebliches Rauschen im Blätterwald (und ein Klappern in den Brettern??) zur Folge haben, vielleicht sogar ein klärendes.

Manfred Koch, Wilhelmsgymnasium Kassel
m.koch@wg.ks.he.schule.de


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