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Meinungen zur
Rechtschreibreform

Stimmige, sinnige, unsinnige und schwach-sinnige Meinungen
zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung

Materialien zur Diskussion




ACHTUNG!
Die folgenden Meinungen enthalten zum Teil Schreibungen, die nichts mit der Rechtschreibreform zu tun haben; sie sind erfunden!





Stille Luft

Uns geht´s gut, wir haben keine Sorgen. Der Sommer war zu kühl, aber seht nur diesen goldenen Oktober! Die Luft ist still, als atmete man kaum. Und die deutschen Schriftsteller verlassen für einen Augenblick der Muße ihren Schreibtisch, treten vors Haus, atmen tief und blinzeln in die milde Sonne. Was für ein Tag!

Doch was erblickt jäh ihr müdes Auge? Die deutsche Rechtschreibreform! Arme Schulkinder, mißhandelt vom orthographischen Terrorismus"! Vertreibung aus der Heimat der Sprache! Eisiges Grauen packt die Schriftsteller. Ein Weilheimer Lehrer eilt mit einem Protestpflaster herbei. Und weil die Frankfurter Buchmesse den Fieberpunkt der alljährlichen intellektuellen Empörungskurve markiert, findet er rasch die Unterschrift von Menschen, die Günter Grass einmal "Unterschriftsteller" genannt hat.

Jetzt ist er selbst dabei, zusammen mit Kollegen wie Martin Walser, Walter Kempowski oder Siegfried Lenz. Früher hat Grass an der deutschen Einigung, noch früher Walser am Vietnamkrieg gelitten. Heute, und das zwei Jahre zu spät, leiden sie an der Rechtschreibreform. Halt! rufen sie entsetzt. Man kann das gar nicht früh genug rufen, denn die nächste kommt bestimmt.

DIE ZEIT Nr. 42, 11.10.1996

Siehe auch: Frankfurter Erklärung


Kultusminister gegen Duden
Holzapfel: "Gravierende Mängel"

DER SPIEGEL Nr. 41, 07.10.1996


Der Kampf Duden gegen Bertelsmann
Im Ringen Duden gegen Bertelsmann um die richtige deutsche Rechtschreibung verliert das Publikum

DIE ZEIT Nr. 40, 27.09.1996


Angst vor der Reform

Weshalb die Seeelefanten so misslich dreinschauen dieser Tage? Weshalb sie dumpfe, klagende Heullaute ausstoßen und nicht fressen wollen? Sie fressen nämlich wirklich nicht, die armen Tiere, ihren einst so heiß geliebten Tunfisch verschmähen sie, sei er auch noch so liebevoll mit Delikatessgürkchen garniert, ebenso ihren Jogurt, den sie einst esslöffelweise verspeisten; und selbst den Nussstrudel lassen sie stehen, Nussschinken auch, nicht einmal Nussschokolade kann sie locken.

Angst, nackte Angst ist es, die die Tiere in Bälde hungers sterben lassen wird: Angst vor der Rechtschreibreform.

...

Die Sitzung der Seeelefanten endete mit einer Petition an den Kultusminister: "Die Würde der See-Elefanten ist unantastbar", sollte darin stehen, und vielleicht noch: "Wir wollen nicht reformiert werden".

Wie man munkelt, haben mittlerweile neben den Seeelefanten noch einige andere Tiere die Petition unterschrieben: der Delfin etwa und das Blasshuhn, alle Rösser, unter ihnen Schlacht- und Walrosse, der Panter, die Schneeeule, und mit besonderem Nachdruck das Känguru. Sogar die als narzistisch bekannte Wolllaus reihte sich ein.

Was bisher keiner wußte: Auch der Rauhaardackel ist dabei. Er wolle auf sein h nicht verzichten, hat er gesagt.

Gisela Rauch, Main-Post, 14.09.1996


Wer meistert Überaschungen gelassen, wer nicht?
Deutschlands Lehrer.

Schock am 1. Arbeitstag: Neuer Duden mit Rechtschreibreform ist da!
Nur Schüler jubeln: auch mit Fehlern Note 1 noch möglich.

FOCUS 36/1996


Aber durch den Gang der Geschichte kam es anders - Erster und Zweiter Weltkrieg anschließend Teilung Deutschlands.
Es war während eines ganzen Jahrhunderts nicht möglich, alle deutschsprachigen Staaten an einen Tisch zu bekommen - geschweige denn gemeinsame Beschlüsse zu fassen. Erst nach der Wende gab es die Chance einer einheitlichen Neuregelung unserer Rechtschreibung ...

Renate Baer, Franfurter Allgemeine Zeitung, 11.07.1996


Sämtliche Bücher müssen neu gedruckt werden. Die Politiker reden täglich von Einsparungen und überlegen sich dauernd Kürzungen in sämtlichen Bereichen. Deshalb stellt sich doch die Frage, warum gerade jetzt die Schreibweise geändert werden "muß".

Silke Scheible, Stuttgarter Zeitung, 11.07.1996


Was soll das eigentlich? Sollten doch die Verantwortlichen sich Gedanken darüber machen, unsere Muttersprache von Fremdwörtern freizukämpfen, statt Unwichtiges zu reformieren: News statt Nachrichten, light statt leicht und sogar Sunshine für den herrlichen Sonnenschein. Ist das nicht eine Schande?

Käte Philipp, Süddeutsche Zeitung, 10.07.1996


Unerfindlich ist die Behauptung, daß die Reform das bisherige Regelwerk halbiere. Zwar enthält der Rechtschreibduden 212 Paragraphen und das neue Werk 112, doch handelt es sich bei den Dudenparagraphen keineswegs nur um Rechtschreibregeln, sondern beispielsweise auch um solche der Formenbildung. Die Kommasetzung umfaßt dort 38 Paragraphen und nicht "52 Kommaregeln", von denen angeblich 43 gestrichen werden.

Professor Dr. Wilfried Kürschner, Frankfurter Rundschau, 10.07.1996


Man kann die Rechtschreibreform natürlich ironisieren. Wir können uns aber auch ermutigen, und wir sollten es tun. Die Reform ist nicht existenznotwendig, aber sinnvoll. Ich wünsche uns, daß eine führende Persönlichkeit unseres Staates beziehungsweise Sprachraumes eine heitere Einführung herausgibt (Pressereferenten: aufgepaßt!). Nehmen wir die Änderungen als leichte Übung, wie wir gemeinsam mit (manchmal wirklich notwendigen) Veränderungen gut umgehen. Prima Vorbild: die Schweden bei der Umstellung ihres Straßenverkehrs auf rechts ("höger!"). Das können wir auch.

Ulrich Milewski, DIE WELT, 06.07.1996


Erstens: Nützt sie jemandem? Die Antwort ist klar. Den Erstklässlern ...

Zweitens: Schadet sie jemandem? Der größte Schaden, den Ältere davontragen können, die die alten Regeln ein für allemal verinnerlicht haben, ist der, dass sie eine Zeitlang verunsichert sind. Schlimmstenfalls sehen sie sich für den Rest des Lebens von "falsch" Geschriebenem umgeben. Selber auf neue Art schreiben muss niemand. Der Staat erlässt die Norm nur für seinen Zuständigkeitsbereich, die eigenen Behörden und Schulen. Jeder sonst ist frei, auch in Zukunft zu schreiben, wie er will, auf die neue, die alte oder auf ganz eigene Art - wenn er das will.

Ihr Wirksamkeit entfaltet die Reform hauptsächlich in jenen verborgenen Zonen, die kaum je einer betritt - Groß- und Kleinschreibung, Getrennt- und Zusammenschreibung. Wer jedoch versucht hat, dieses jeder Vernunft spottende Dickicht zu durchdringen, dem wird seine Vereinfachung nur willkommen sein.

Dieter E. Zimmer, DIE ZEIT, 4.7.1996


Von der großen Reform bleibt nur das Gerippe
Dennoch ist das Ergebnis gutzuheißen

Komma und Eszett werden zur Ausnahme
Die wichtigsten Regeln der künftigen Zeichensetzung und der Schreibweisen

Süddeutsche Zeitung, 03.07.1996


Die neue Orthografie
Ein kleiner Kompass für Newcomer, Raubeine, Wandalen und andere Tollpatsche

Sigrid Löffler, Süddeutsche Zeitung, 01.07.1996


Die Rechtschreibreform:

"... zum Wohle der Kinder und der wenig schreibenden Erwachsenen ..."

Professor Gerhard Augst, Rechtschreib-Reformer


Wessen Herz trotzdem an der Filosfie hängt, der kann ohnehin auf die Dudenredaktion hoffen - sie hat noch jedes Wort, wenn es nur oft genug falsch geschrieben worden ist, für Rechtens erklärt.

Roland Englisch, Erlanger Nachrichten, 28.10.95


"... da wir in Deutschland keine Academie Française haben, fällt dem Verlag, der die größte Kompetenz in Sachen Rechtschreibung besitzt, ein besonderes Gewicht zu. Außerdem war es die Kultusministerkonferenz, die 1955 den Duden für maßgeblich erklärt hat."

Mathias Wermke, Chef der Duden-Redaktion, FOCUS 44/1995


"Muß es überhaupt eine hoheitliche Aufgabe sein festzustellen,wie man Kuß schreibt?"

Kurt Biedenkopf, sächsischer Ministerpräsident, Ministerpräsidentenkonferenz in Lübeck am 28. Oktober 1995


Wer ist letztendlich "betroffen"?

Um es auf den Punkt zu bringen: Auch in Zukunft wird ein privatwirtschaftlicher Vertrag nicht dadurch unwirksam, daß er eine falsche Silbentrennung oder eine unzulässige Schreibform enthält. Für das Schreiben einer Bürgerin beziehungsweise eines Bürgers an eine Behörde gilt dies entsprechend: Ob "alt" oder "neu" oder "gemischt": Solange der Inhalt eindeutig interpretierbar bleibt, ist dies Nebensache.
"Künstler" können es (auch weiterhin) so halten, alle Wörter mit kleinem Anfangsbuchstaben zu schreiben; wer dies möchte, kann sogar "privat" alle Wörter ohne Zwischenraum schreiben. Ob dies für andere "lesbar" oder "verständlich" bleibt, sei dahingestellt. Wer sich privat nicht auf die neue Regelung umstellen kann oder will, dem ist dies unbenommen.

Harald H. Zimmermann, Prof. für Informationswissenschaft an der Universität des Saarlandes, in: Saarbrücker Zeitung


Sollten wir also nicht alles beim alten lassen, den Ausländern weiterhin das Erlernen unserer Sprache so schwer machen, daß sie am Ende mit Lessings Baron de la Marlinière unsere "Sprak" für schwer, ja plump halten?

Sollten wir - Sklaven des Thesaurus unseres Personal Computers -die Schreibweise zum baren Unsinn hin vereinfachen?

Karl-Jürgen Miesen, RHEINISCHE POST


"Die Argumente für die Reform kann ich im Kopf nachvollziehen,aber nicht im Bauch."

Gerhard Schröder, Ministerpräsident von Niedersachsen


Die Rechtschreibung als Staatsangelegenheit, sagte mir einmal ein amerikanischer Literaturprofessor, sei eines jener Probleme, die die Deutschen sich von Zeit zu Zeit selbst erfinden, um sich von Wichtigerem oder Schlimmeren abzulenken.

Joachim Neander, DIE WELT, 28.10.95


Rechtschreibung ist als Kulturtechnik zwar gewiß unentbehrlich.Sie ist wie das Rechtsfahren im Straßenverkehr eine Frage der praktischen Vernunft und daneben ein Ausweis zivilisierter Höflichkeit. Sie muß gelehrt und geübt werden. Aber zum Gegenstandjahrelanger staatspolitischer Erregung eignet sie sich weniger.

Goethe, der klaglos hinnahm, daß die späteren Ausgaben seiner eigenen Werke in einer teilweise anderen Orthographie erschienen als die frühen, meinte gesprächsweise, es komme doch eigentlich nicht darauf an, wie dieses oder jenes Wort geschrieben wird.Die Hauptsache sei, "daß die Leser verstehen, was man damit sagen wollte".

Joachim Neander, DIE WELT, 28.10.95


Ergebnis war ein Papier, das wie eine Amputation der deutschen Sprache daherkam. Zum Maßstab wäre das unterste Niveau avanciert.

Noch ist die Reform der Rechtschreibung in der Warteschleife.Hoffentlich gerät sie ganz aufs Abstellgleis.

Sächsische Zeitung, 28.10.95


Bei der Rechtschreibreform, die ohne die Eindeutschung beliebter Fremdwörter behutsamer ausfällt, als Kulturkritiker wahrhaben wollen, geht es weder um sprachliche Unkultur noch um den Untergang des Abendlandes. Es geht zum einen um Korrekturen aus dem Sprachschatz deutschen Wilhelminismus. Der zweite, kritikwürdigere Grund für die Reform fällt in der Regel unter den Tisch: die Anpassung der Sprache an die technische Entwicklung.

Frankfurter Rundschau, 28.10.95


Vor allem bedauerte Zehetmair, daß Deutschland keine der "Academie Francaise" vergleichbare Einrichtung hat, die für die "Verhinderung des Sprachmülls" sorgt.

Schmerzen bereiten dem CSU-Politiker vor allem Anglizismen wie "stylen", "designen" oder "recyclen", die sich nicht einmal konjugieren ließen, da man sonst Formen wie "gerecycelt" bilden müßte.

Süddeutsche Zeitung, 28.10.95


Ich bin sehr enttäuscht, daß die Nomina weiterhin groß geschrieben werden müssen. Schon weil das Drücken der Shifttaste beim Zweifingersystemschreiben nervt.

aus: Deutsches Schulnetz


Schon heute gilt doch, mit oder ohne Rechtschreibreform und DUDEN:

    Wenn mein Rechtsanwalt seiner Schreibkraft auf je 20 Wärter einen Tupp- oder Schreibfahler durchgehen läßt - dann suche ich für meinen nächsten Prozeß einen Anwalt, der sorgfältiger mit dem Buchstaben - nicht nur des Gesetzes - umgeht.

    Aber wenn mein Klemmpner in sein Kosten-Foranschlag ein Paar feler macht, dann ist mir das wurscht. Wichtig ist, daß er meine Wasserleitung wieder dicht kriegt. Und in der Bürgerschaft ist der Mann eine Kanone: witzig und scharfsinnig im Urteil, konziliant im Umgang, und immer grundehrlich!

aus: Deutsches Schulnetz


Klares Nein zu "Goete" und "Füsik" Taunussteiner Abiturienten lehnen geplante Rechtschreib-Reform ab: Deutsch-Lehrer würden überflüssig; "Schdob" der Rechtschreibreform

Sebastian fällt es sichtlich schwer, das Wort an die Tafel zu schreiben: "Restorong" buchstabiert er konzentriert und schüttelt sich geradezu beim Betrachten seines Werks. "Bei der Reform tut eigentlich alles weh" ... "Füsik" einfach nur "furchtbar"

Für Björn S. steht fest, daß es auch nach der Reform kein einheitliches Schriftbild geben wird. Viel zu viele Menschen, so ist er sicher, werden nicht mehr umlernen wollen oder können,"im Endeffekt wird alles nur vollkommen verunsichert". Von der Verarmung der Sprache ganz zu schweigen. Sein Urteil über die geplante Reform: "Zu flach kein Niveau mehr drin".

Sorgen macht sich der Abiturient um die vielen ausländischen Kinder, die in der Schule oft mühsam Deutsch lernen und nun wieder umlernen sollen. "Das wird die reinste Katastrophe".

Deutsch-Lehrer seien dann überflüssig. "Denn was ist dann noch wichtig am Deutsch-Unterricht", fragt sich der Abiturient, "wennman schreiben kann, wie man will?"

... Im übrigen gebe es doch Computerprogramme oder den Duden, um sich vor Fehlern zu schützen.

Denn "Goete" nach der Reform wäre nur noch "ein billiger Abklatsch, wie ein schlecht gemachter Teil 2 im Film", prophezeit Björn.Womit die Taunussteiner Abiturienten wenigstens in einer Sache mit Sachsens Ministerpräsident Kurt Biedenkopf einig sind:"Wir lernen nicht mehr um".

WIESBADENER KURIER, 08.11.95

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