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Pressestimmen vom 30. Juli 1997


Wiesbadener Verwaltungsgericht stoppt die Umsetzung der Rechtschreibreform an hessischen Schulen


Weimarer Verwaltungsgericht lehnt den Eilantrag einer Schülermutter gegen die Neuregelung ab

Teufelchen
Tagesschau:
Rechtschreib-Reform

An der Rechtschreib-Reform scheiden sich weiter die Geister - auch unter den Juristen. Anders als in Wiesbaden lehnte jetzt das Verwaltungsgericht in Weimar den Eilantrag einer Schülermutter gegen die Neuregelung ab. Die Richter sehen das elterliche Erziehungsrecht durch die Reform nicht verletzt. Außerdem würden weder Lehrinhalte berührt, noch das bestehende Schulsystem verändert. Es gebe deshalb keinen Grund, die Umsetzung der Reform sofort zu stoppen.

 

Bildzeitung:
Rechtschreib-Reform
- jetzt ist das Chaos perfekt

Das Verwaltungsgericht Wiesbaden verbot gestern die Anwendung der neuen Regeln in den hessischen Schulen, gab damit dem Eil-Antrag eines Vaters statt.

Nach Ansicht der Richter kann die Reform nicht per Erlaß, sondern nur durch ein Gesetz beschlossen werden. Das Gericht in der Begründung: "Es besteht die Gefahr, daß den Kindern eine Form der Rechtschreibung beigebracht wird, deren sich die Gesellschaft außerhalb der Schule nicht bedient." Dazu Bildungsminister Jürgen Rüttgers (CDU): "Das Kind ist endgültig in den Brunnen gefallen." "Deutsche Sprache, schwere Sprache." (Sprichwort)

Nächsten Montag beginnt wieder die Schule in Berlin, Brandenburg, Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern.

An diesen Tag werden sich Millionen Schüler ein Leben lang erinnern.

Zum ersten Mal werden sie Lehrer erleben, die nicht wissen, wie sie ihre Muttersprache lehren sollen: Alte oder neue Rechtschreibung? Schiffahrt mit zwei F oder mit drei?

Nachdem das Verwaltungsgericht Wiesbaden die Rechtschreibreform vorerst gestoppt hat, herrscht völliges Chaos.

Kann mein Kind eine 5 in Deutsch kriegen, weil es die neue Schreibweise benutzt?

Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus: "Nein! Nach der Reform ist ohnehin vorgesehen, daß in einer Übergangsfrist bis zum 1. August 2005 beide Schreibweisen erlaubt sind. Durch das Gerichtsverfahren kann es jetzt zu weiteren Verzögerungen kommen."

 

Die Welt:
Klarheit über Rechtschreibung angemahnt

Dem Wortlaut nach bezieht sich der Spruch des Gerichts nur auf die beiden Töchter des Marburger Vaters, der mit einem Eilantrag gegen die Einführung der Reform an den hessischen Schulen vorgegangen war. Holzapfels Pressesprecher Hans Marg meinte dazu, "andere Schulen und Länder bindet das schon gar nicht, auch nicht andere Verwaltungsgerichte". Demgegenüber sagte der Präsident des Verwaltungsgerichts, Hans Peter Faber, zur WELT: "Auch wenn eine solche Entscheidung nur zwischen den Beteiligten wirkt, so erlangt sie doch gegenüber der Verwaltung auf Grund der faktischen Bedeutung eine Art Richtlinienfunktion, erst recht, wenn sie vom Obergericht bestätigt würde."

Bayerns Kultusminister Hans Zehetmair (CSU) zeigte sich über den Spruch der Verwaltungsrichter überrascht. Die Frage, wie jetzt weiterverfahren wird, müsse in der Kultusministerkonferenz der Länder besprochen werden. Bayern werde keinen Sonderweg einschlagen. Im sächsischen Kultusministerium wurde der Spruch dahingehend interpretiert, daß das Gericht nicht gegen die Reform, sondern gegen die Art und Weise der Einführung entschieden habe. In Hessen will Minister Holzapfel nach den Worten seines Sprechers erst nach dem Studium der schriftlichen Begründung entscheiden, ob er gegen das Urteil vor dem Oberverwaltungsgericht Kassel Berufung einlegt.

Der Deutsche Lehrerverband hat als Konsequenz aus der jüngsten Entscheidung zur Rechtschreibreform angemahnt, im Interesse der Schulen rasch für Klarheit über die Rechtschreibung zu sorgen. Der Verbandsvorsitzende Josef Kraus sprach die Befürchtung aus, daß die Reform nun noch mehr beschädigt und nicht mehr ernstgenommen werde.

Für den nordrhein-westfälischen Landesverband Bildung und Erziehung (VBE) meinte dessen Vorsitzender Hermann Grus, die Diskussion um die umstrittene Reform habe mit dem Eilbeschluß aus Wiesbaden eine "neue Dimension" erlangt. Eine so weitreichende Änderung der Schreibgewohnheiten brauche einen größtmöglichen Konsens und eine parlamentarische Diskussion.

Die Gegner der Rechtschreibreform sahen in dem Spruch der Richter ein "wichtiges Signal". Ihr Sprecher, der Weilheimer Lehrer Friedrich Denk, verlangte den sofortigen Verzicht auf die neuen Rechtschreibregeln in allen deutschen Schulen.


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