Normalerweise bekommen Schulen nur zur Eröffnung Besuch von der Polit-Prominenz. Oder in Wahlkampfzeiten. Friedrich Merz aber saß gestern zwei Schulstunden beim Sozialkunde-Leistungskurs im Würzburger Mozart-Schönborn-Gymnasium. Nicht zur politischen Lehr-, nicht zur Plauderstunde, sondern zum ganz sachlichen Gespräch.
Unsicher waren sie sich bis zum Schluss: Kommt er? Kommt er nicht? Bei den Schlagzeilen, die Friedrich Merz in den vergangenen drei Wochen mal wieder gemacht hatte - Stichwort: K-Frage und Nadelstiche Richtung CSU - hätten sich die Zwölftklässer und Lehrer Josef Linsler nicht gewundert, wenn der Politik-Unterricht der anderen Art ausgefallen wäre. Aber Merz kam. Ohne Aufhebens, ohne Tross, einfach so.
Einfach so natürlich nicht. Den Besuch des CDU-Finanzexperten hat der LK freundschaftlich-verwandschaftlichen Beziehungen zu verdanken: Die Mutter einer Schüler kennt die Schwester von Merz. Und der Sozialkunde-LK, sagt Linsler, legt Wert auf Kommunikation . . .
Keine Rede, kurze Vorstellung: "Mein Name ist Friedrich Merz, ich bin 48 Jahre alt und ziemlich genau seit 15 Jahren in der Politik." Dann durfte diskutiert werden, über 90 Minuten lang. Im Vorfeld hatten sich die Sozialkundler eine Strategie zurecht gelegt: Fragen wir Privates? Reden wir über die jüngsten Schlagzeilen? Lieber nicht, der Kurs machte den Generationenvertrag zum zentralen Thema: "Die Alten sind versorgt - wer sorgt für uns?" Der Politiker antworte mit einer kurzen Sachverhalts-Beschreibung, mit Zahlen. Und einem Geständnis: "Ich werde zunehmend nervös. Uns läuft die Zeit davon in einer Geschwindigkeit, die sich kaum einer bewusst macht." Entscheidungen müssten jetzt, Reformen bald angepackt werden. Denn, beschwor Merz die künftigen Wähler: "Gegen eine alternde Bevölkerung können Sie die Entscheidungen nicht mehr durchsetzen."
Die Krankenversicherung? "Ist Sprengstoff für unseren Sozialstaat", ist der Mann, der in der eigenen Partei in regelmäßigen Abständen mit deutlichen Worten und unbeliebten Themen für Ärger sorgt, überzeugt. Ans Arbeitsverhältnis jedenfalls, so Merz, dürfe man die Krankenversicherung nicht binden. Wahlmöglichkeiten müssten die Versicherten haben. Überhaupt: Der Konservative und gläubige Katholik gab sich im Klassenzimmer ziemlich liberal. Lieblingsworte: Freiheit und Selbstverantwortung. "Ich weigere mich, als Gesetzgeber alles zu entscheiden."
Von F wie Familienpolitik bis Z bis Zuwanderung - zwei Stunden lang stand Merz Rede und Antwort. Mal sehr persönlich (und nicht zum Mitschreiben) wie zum Thema Bildung. Mal leidenschaftlich wie zu Leitkultur und Terrorismus. Immer sachlich, stets Fakten-firm: "Soll ich Ihnen mal ein paar Zahlen nennen?"
Schüler-Fazit: "Sehr authentisch, sehr sympathisch der Mann." Und gar nicht oberlehrerhaft. Zufrieden waren sie mit dieser Art Sozialkunde, mit ihrer Diskussion. Und flunkerten noch: "Mal sehen, wie es nächste Woche bei Schröder läuft."