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16.12.1998: 15 Jahre Schülerladen - Schülertreffpunkt e.V. Würzburg.
| Am 16. Dezember 1998 wurde der Schülerladen - Schülertreffpunkt e.V. Würzburg 15 Jahre alt. Als kleinen Ausschnitt aus den Erinnerungen dieser 15 Jahre veröffentlichen wir hier einen Beitrag, der in dem Lesebuch "50 Jahre Stadtjugendring Würzburg"(SJR) abgedruckt ist. Dort gibt es eine bunte Sammlung von Erinnerungen zur Jugendarbeit der vielfältigen Mitgliedsorganisationen des SJR in dessen Bestehensgeschichte. Weitere Informationen dazu gibt es direkt beim Stadtjugendring Ein Commodore C64 war etwas Staunenswertes - Jörgen aber hatte einen Atari Der Schülerladen und seine Zeitung "Guckloch". | |
![]() ![]() ![]() ![]() | "Schreibst Du einen Beitrag zum Lesebuch 50 Jahre Stadtjugendring Würzburg?" Nachdem ich das einzige Überbleibsel aus der Dinosaurierzeit im Schülerladen bin, war klar, dass diese Frage auf mich zukommt. Die Dinosaurierzeit, sie liegt beim Schülerladen Schülertreffpunkt e.V. Würzburg, denn so ist der vollständige Vereinsname - 1998 erst 15 Jahre zurück. Aber das ist der Nachteil bei einer Jugendgemeinschaft, die erst spät gegründet wurde und 1987 zum SJR kam: Man gehört schneller zu den "Opas", weil es niemanden gibt. der noch länger dabei ist. Der Vorteil: Die Vielfalt der im SJR vertretenen Jugendarbeit wird mir vielleicht gerade deshalb stärker bewusst, weil mein Verein sich in Ausrichtung und Methoden relativ stark von den großen Organisationen unterscheidet - unterscheiden muss -, weil sich Ja nur so erklärt, dass es bei seiner Gründung Bedarf für ihn gab. Gruppenarbeit im herkömmlichen Sinne war deshalb nie eine Arbeitsform des Schülerladens. Wir trafen und treffen uns zu themenorientierten Arbeitsgruppen, die in erster Linie mit der Situation der Schule und der Schülervertretung befasst sind. Und wir haben unser Schülercafé als zentralen Treffpunkt, in dem sich dann auch zwanglos Ansatzpunkte ergeben für Freizeitaktivitäten, gemeinsam geplante Wochenenden und vieles mehr. Eine unserer großen Aktivitäten war vor zehn Jahren unsere Zeitung "Guckloch", die wir 1985 mit einer Startauflage von 100 Stück begonnen hatten. Hier berichteten wir zum einen über alles, was im Schülerladen an Arbeitskreisen, Aktionen und Freizeitangeboten gerade aktuell war, zum anderen aber ging es zunehmend darum, Informationen über schulische und vor allem schulpolitische Fragen zu verbreiten und den Schülervertreter/innen Arbeitshilfen an die Hand zu geben. Deshalb war es schon schnell unser Ziel, die Zeitung an möglichst viele Schüler/ innen verteilen zu können. Doch mehr als 500 Exemplare waren aus den Werbeanzeigen nicht zu finanzieren. Über einen Verkauf haben wir nie nachgedacht. weil dazu der Anteil an Vereinsinformation zu hoch war. und für Eigenwerbung auch noch Geld zu verlangen, schien uns widersinnig. 1988 aber ergab sich plötzlich die Möglichkeit, von einer Druckerei eine gebrauchte Offsetmaschine zu kaufen und im Jugendkulturhaus aufzustellen. Mit dem stolzen Aufdruck "Würzburgs größte Jugendzeitung" auf der Titelseite erhöhten wir die Auflage des "Gucklochs" auf 2000 - bei praktisch gleichen Kosten. Nun hatten wir die handwerkliche Fertigung unserer Zeitung von Anfang bis Ende in der Hand. Zu Beginn der Zeitungszeit wurden die Texte noch auf einer alten Schreibmaschine getippt - wie bei allen Schülerzeitungen. Weil wir einen hohen Anspruch an uns selbst hatten und weil wir regelmäßig Zeitungsmacherseminare der Jungen Presse Bayern besuchten und alle diesbezüglichen Schriften verschlangen, wussten wir, dass man Überschriften nicht einfach tippt und unterstreicht. Wir malten sie mit Filzstift. Mit extrabreiten Tuschfedern, eine Hinterlassenschaft meines Großvaters, wurden die verschiedenen Beiträge gegeneinander abgehoben. Zur weiteren Auflockerung habe ich dann Bilder und Männchen in die leeren Stellen gemalt, dazu einen Cartoon "Unser Mann am grünen Tisch". Ansonsten war die Produktion der Zeitung vor allem eine Schlacht mit Klebstoff und Schere. Das wurde sie noch viel stärker, als die Letraset- Buchstaben über uns kamen. Überschriften mit Letraset waren natürlich viel schöner, als die handgeschriebenen. Aber ein Bogen Rubbelbuchstaben kostete damals schon über 20 Mark und war damit unerschwinglich. Wir konnten ja nicht für schönere Überschriften die Auflage senken. Aber wir fanden - selbstverständlich - einen Ausweg. Wir haben nämlich zusammen mit der Jungen Presse einen Vertreter der Firma eingeladen und mit ihm eine Infoveranstaltung für Schülerzeitungsredakteure durchgeführt. Da gab es dann für jede/n Teilnehmer/in am Ende einen Produktekatalog. Und in dem war ein kompletter Buchstabensatz jeder lieferbaren Schrift abgedruckt. Nun musste man nur noch die gewünschte Schrift aussuchen, durch Kopieren auf die benötigte Größe bringen, und dann wurden alle erforderlichen Buchstaben einzeln ausgeschnitten und aufgeklebt! (Übrigens habe ich einige Jahre später eine neuere Auflage des Katalogs gesehen und festgestellt, dass die Firma dort ihre Schriften nur noch auszugsweise als Beispiel wiedergab, also offensichtlich aus ihrem Verkaufsmisserfolg bei uns gelernt hatte). Damit die Überschrift nicht krumm und schief wurde, musste man vor dem Ausschneiden der Buchstaben unten eine Linie mit gelbem Buntstift ziehen. Eine solche Linie kam danach auch auf das Vorlagenblatt, dann konnte man die beiden Striche aneinander ausrichten. Das Gelb war für die Vervielfältigung zu hell und verschwand einfach wieder. Wenn ich mir jetzt die Ergebnisse anschaue: Mein Computer kann's heute auch nicht besser. Aber natürlich schneller und einfacher. Und damit kam Jörgen ins Spiel. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre waren die Jugendlichen mit Computer ja noch ganz dünn gesät. In meiner Klasse weiß ich keinen, der vor dem Abi einen gehabt hätte. Ein Commodore C64 war etwas Staunenswertes, und diejenigen, die diese unförmigen Maschinen bedienen konnten, galten nicht nur als, sondern waren in der Regel auch tatsächlich Experten. Jörgen aber hatte einen Atari. In einer Welt, die noch glaubte, "grafische Benutzeroberfläche" sei eine Beschreibung für den Aufdruck auf Vollmilchkartons ("hier ziehen"), war dieses Gerät eine Offenbarung (und prägt bis heute meine Ansichten über Computer). Es war wie die Marlboro- Werbung im Vergleich zu Weininger oder wie der Playboy zum Biologiebuch. Und man konnte Überschriften damit machen, schöne saubere große Überschriften ohne einen einzigen Tropfen Klebstoff, Blocksatz, ohne für jede Zeile die Buchstaben zählen zu müssen. Es war eine Revolution. Seitdem ist nichts mehr, wie es war.
Das war der Stand der Dinge, als im Oktober 1989 die Junge Presse Bayern Münchens Internationale Messe für Junge MedienmacherInnen (MIMJMI) veranstaltete. Wer von uns die Idee hatte, weiß ich heute nicht mehr: Wir entschlossen uns, auf dieser Messe unseren gesamten Produktionsweg zu präsentieren: Schreiben, Layout am Computer, Drucken. Natürlich war es unmöglich, unsere Druckmaschine nach München zu schaffen, aber das Jugendkulturhaus hatte noch eine ganz alte, kleine Tischoffsetmaschine, die eigentlich schon ziemlich am Ende war, die sich aber von zwei "Mann" einige Meter weit tragen ließ. Ein paar großformatige Fotos von unserer "richtigen" Druckmaschine dienten als Hintergrund. Dazu kam der Computer. Wir hatten außerdem ein Druckplattensystem ausfindig gemacht, auf das man den Text einfach per Nadeldrucker aufdrucken konnte, dann in die Maschine spannen und drucken. Der SJR- Bus wurde gemietet, und wir machten uns auf den Weg. Aber nicht alle. Denn am Abfahrtstag stellte sich plötzlich heraus, dass zwei von uns nicht mitkonnten. Nämlich die beiden, die wussten, wie der Atari funktioniert. Ein herber Schlag, aber irgendwie würde das schon klappen. In München angekommen, schleppten wir unsere Ausrüstung in die Messehalle und bauten auf. Wir haben es sogar geschafft, alle Teile des Computers richtig aneinanderzuhängen und ihn anzuschalten. Aber beim Textprogramm war es dann aus, weil nie jemand darauf geachtet hatte, wie Jörgen das eigentlich machte. Außerdem machte er das ja alles so schnell, dass auch Achtgeben gar nichts genützt hätte. Aus der Patsche half uns dann mein mangelndes Vertrauen in die beschriftbaren Druckplatten (weil wir sie ja vorher noch nie ausprobiert hatten). Ich hatte darauf bestanden, zumindest acht Seiten Messeguckloch schon in Würzburg fertigzustellen und Druckplatten davon belichten zu lassen. Auf diese Weise haben wir dann doch schwer Eindruck geschunden mit unserer Minidruckmaschine. Eine Messeausgabe von ein paar Seiten, das hatten andere auch, aber beim Drucken zuschauen und auf das Trocknen der Farbe warten zu müssen, das war einmalig auf der Messe. Das "Guckloch" ist auf insgesamt 30 Ausgaben und einige ganz dünne Sonderdrucke gekommen und 1993 letztmalig erschienen. Seitdem gibt es eine kleine Pause, bis wieder ein paar Leute zusammenkommen, die Lust haben, eine eigene Zeitung zu machen. Ulrich Kraus |