Oliver Manger - Volker Tzschucke


Die gymnasiale Oberstufe in Bayern

Eine Bestandsaufnahme anläßlich der LSV- Tagung vom 08. - 10. Januar 1999 in München

Gliederung

  1. Eine kurze Entstehungsgeschichte
  2. Die gegenwärtige Situation
  3. Ideen und Modelle zur gymnasialen Oberstufe in Bayern von
    1. Parteien und Regierungen
      1. CSU/Junge Union/Schüler Union
      2. SPD/Jusos/JSB
      3. Bündnis 90/Die Grünen
      4. Kultusministerium
      5. Kultusministerkonferenz
    2. Lehrerverbänden
      1. Bayerischer Philologenverband (bpv)
      2. Bayerischer Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV)
      3. Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
    3. Elternverbänden
    4. Schülerteams
      1. Arbeitsgruppe der Landesschülervertretung - Landesvereinigung der bayerischen Bezirksschülersprecher e. V.
      2. Vereinigung der Mittelfränkischen Schülerinnen und Schüler e. V.
      3. Moosburger Modell
  4. Abschlußbemerkungen


Ausführung

Zu 1:

Die "Kollegstufe" wurde 1972 als "reformierte Kursphase der gymnasialen Oberstufe" eingeführt. Charakteristisch für die letzten beiden Jahre vor dem Abitur wurden:

Interessant zu wissen ist, daß die Kollegstufe damals hauptsächlich auf Druck der Universitäten in dieser Form eingerichtet wurde, die beklagten, daß die Studierenden im Klassenverband nicht ausreichend auf die Uni vorbereitet werden - Stimmen, die auch jetzt wieder laut werden, allerdings mit der genau entgegengesetzten Forderung, nämlich der Abschaffung der Leistungskurse bzw. der Wahlmöglichkeiten.

Es folgten ganz rasch einige erste Einschränkungen der Wahlmöglichkeiten, um ganz abstruse Fächerkombinationen zu vermeiden und insgesamt die Vergleichbarkeit der Abschlüsse zu gewährleisten (KMK-Bindung).

Nach und nach wurden die Wahlmöglichkeiten immer mehr begrenzt; so ist es zum Beispiel seit vielen Jahren nicht mehr möglich, Mathematik "kurz" (d. h. nur im 12. Jahrgang) zu belegen.

Die Verunstaltung der Kollegstufe fand ihren ersten Höhepunkt im Schuljahr 1992/93. Es wurde die Anzahl der Leistungskurswochenstunden von sechs auf fünf gekürzt, obwohl die damals frisch aufgelegten Lehrpläne für sechs Stunden konzipiert waren. In einer Schnellschuß-Aktion wurden Teile der LK-Lehrpläne mit Sternchen versehen, um den fakultativen (also damit gestorbenen, da für das Abitur nicht relevanten) Stoff zu kennzeichnen. Diese Kürzung wurde damals mit Finanzengpässen begründet und sollte nur vorübergehend sein; doch das KMS behielt bis heute Gültigkeit. Auch die Anzahl der Leistungskurse pro Schule wurde damals um ca. einen gekürzt. Diese Änderung wurde durch die Neuregelung im letzten Jahr (Budgetisierung der Kollegstufenstunden) teilweise wieder aufgehoben, teilweise (d. h. an manchen Schulen) aber noch weiter verschärft.

Immer wieder seit den frühen Neunziger Jahren versuchte es der damalige Kultusminister Hans Zehetmair, sein Steckenpferd - das Fünf-Fächer-Abitur - durchzubringen. Er scheiterte stets spätestens in der Kultusministerkonferenz (KMK), welche die Anzahl Abiturfächer auf vier beschränkt. Dies wurde auch in den Mainzer Beschlüssen der KMK Ende 1995 noch einmal bestätigt. Nach diesen Beschlüssen herrschte allerorten große Euphorie, da irgendwie jede Organisation ihre Pläne schon so gut wie verwirklicht sah. Die GEW freute sich wie die LSV damals über die Beibehaltung der Grundansätze der Kollegstufe von 1972 (s. o.) und die Möglichkeit, ein sogenanntes Seminar einzurichten, um fächerübergreifenden Unterricht zu ermöglichen. Doch auch der bpv und das bayerische Kultusministerium sahen sich in ihrer Position bestätigt, da die Pflichtbelegung von Kernfächern und die Möglichkeit einer "besonderen Lernleistung" von der KMK abgesegnet wurden. Im bpv-Heft 12/95 legten bpv bzw. das Kultusministerium (man beachte den marginalen Unterschied) die Sache wie folgt aus: "Eingeräumt werde durch die neue KMK-Vereinbarung auch die Möglichkeit eines 5. Abiturfaches, das offiziell nur nicht so heißen dürfe.". Damals in Mainz wurde auch noch beschlossen, daß ab 1998 alle Gymnasien in Deutschland - egal ob acht- oder neunjährige Form - mindestens 265 Wochenstunden umfassen müssen.

In den folgenden Jahren wurde der Trend deutlicher, daß an der 1972er Kollegstufe immer weiter Aderlaß betrieben wird.


Zu 2:

Die letzten Monate waren noch einmal richtig turbulent in Sachen GSO-Änderungen bzgl. der Oberstufe. Nunmehr neu ist:

Irgendwie nähert man sich in kleinen Schritten doch dem Modell an, das seit nunmehr sechs Jahren vom bpv immer wieder vorgeschlagen wird.


 

Zu 3:

Modelle und Ideen, wie eine Oberstufe am Gymnasium - noch dazu in Bayern - auszusehen hat, gibt es zahlreiche. Ausgeklammert in der weiteren Betrachtung wurden die "Wirtschaft" und die "Universitäten", da die Wünsche dieser Gruppen, wie die Abiturienten auszusehen haben, noch sehr gleich sind (Schlüsselqualifikationen usw.), aber die Ideen, wie man es umsetzen könnte, klaffen sehr weit auseinander.

Je nachdem, wie die einzelnen Vertreter gesonnen sind, findet man ihre Meinungen bei einer Partei, einem schulpolitischen Verband oder (bei "chronischen" Experten) im Kommissionsbericht der Kultusministerkonferenz.


Zu 3.1.1:

Mit überraschend progressiven Tönen überraschte die CSU letztes Jahr auf ihrer Klausurtagung in Wildbad Kreuth. In ihrem Dringlichkeitsantrag "Die Qualität des bayerischen Bildungswesens sichern" standen neben alten SPD-Anträgen, die seinerzeit abgelehnt wurden, sogar bislang unbekannte Worte wie Öffnung der Schulen etc. Etwas mißstimmig ist natürlich weiterhin die Unentschlossenheit, ob zwölf Jahre oder dreizehn Jahre gefordert werden sollen.

Von der Jungen Union hörte man über lange Jahre hinweg, daß sie für eine Abschaffung der 13. Klasse sind, die Schüler Union ist für eine Beibehaltung des 13. Schuljahres und kämpft sogar mit "Standarten" für den hohen Leistungsstandard der Abiturienten.

Außerdem fordert die Schüler Union:


Zu 3.1.2:

Eckpunkte der SPD (bzgl. der Oberstufe) sind:


Zu 3.1.3:

Die Landtagsfraktion von Bündnisī90/Die Grünen fordert:


Zu 3.1.4:

Was bisher vom Kultusministerium geplant war, hat man oft genug gesehen, wenn wieder die Pläne eines Fünf-Fächer-Abiturs aus der Schublade gezogen wurden. Allerdings gab es nach den letzten Landtagswahlen bekanntlich einen Personalwechsel an der Spitze des Ministeriums. Bei ihren ersten Auftritten ließ Monika Hohlmeier keinen Zweifel, daß sie die Pläne ihres Vorgängers - in vielen Punkten noch entschiedener - angehen will. Sie fordert viel mehr Flexibilität in den Stundenplänen und außerdem versteht sie die KMK-Vereinbarungen als Mindestanforderungen, die durchaus auch von den einzelnen Ländern überschritten werden können. Jetzt heißt es: Warm anziehen!


Zu 3.1.5:

Wie im Vorspann bereits erwähnt, konnte sich nach den Mainzer Beschlüssen 1995 jeder seine Rosinen aus dem KMK-Kuchen herauspicken. Das haben Entscheidungen der KMK nun einmal so an sich, daß sie einstimmig fallen (müssen).

Der Abschlußbericht der zu diesem Thema eingesetzten Expertenkommission enthält viele nette Anekdötchen zum Thema Studienfähigkeit und verschiedene altbekannte Modelle, die hier den Rahmen aber sprengen würden. Wenig zitiert wird dieser Bericht wohl deswegen, weil er unter anderem zu dem Schluß kommt, daß es gar nicht an der Struktur der Oberstufe liegt, wenn Schüler schlecht vorbereitet für die Uni sind... und das ist natürlich Salz in den Wunden der Reformer.

Aus der KMK-Entscheidung in Dresden (1996):


Zu 3.2.1:

Der inzwischen wohl am längsten in der Diskussion befindliche - um zu großen Teilen ja auch bereits verwirklichte - Vorschlag zu einer Oberstufenreform stammt vom Bayerischen Philologenverband (bpv). Vor fast sechs Jahren fand die erste Veröffentlichung statt und wurde beharrlich Jahr für Jahr, Monat für Monat wiederholt. Das Layout wurde zwar einige Male verändert, die Inhalte blieben aber durchgehend erhalten:

Deutsch, mindestens eine fortgeführte Fremdsprache, Mathematik, mindestens zwei Naturwissenschaften, mindestens zwei Gesellschaftswissenschaften, Religion oder Ethik, Kunst oder Musik oder Sport.


Zu 3.2.2:

Der BLLV hat mit seinen jüngsten Äußerungen deutlich Kritik geübt an den Plänen bzw. Reformen von bpv und Kultusministerium. Sie sehen folgende Schwachstellen:

Vom BLLV gefordert werden:


Zu 3.2.3:

Daß die GEW Bayern stets den Kontakt zu allen Beteiligten (also auch zu den Schülern) sucht, wird wohl jedem deutlich, wenn er z. B. an den Ideenwettbewerb "Kollegstufe - brained by you" oder das Gespräch mit der Schülerinitiative München (SIM) denkt. Der Artikel in der GEW-Zeitschrift "Die Demokratische Schule" über dieses Gespräch ging Euch allen ja mit der Einladung zu, so daß ich mich hier kurz fassen kann.

Alte Positionen der GEW sind:


Zu 3.3:

Zum Zeitpunkt des Referats lagen leider keine aktuellen Forderungen oder Positionen von LEV oder BEV vor.


Zu 3.4:

Erstaunlich viele (nämlich über dreißig) Schülergruppen nahmen im Schuljahr 1995/96 an dem Ideenwettbewerb "Kollegstufe - brained by you" der GEW teil.

Da ehrt es einen natürlich, wenn man zu den drei siegreichen Teams gehört.

Bei der Laudatio wurde seitens der GEW vor allem betont, daß es sich um Modelle handele, die sofort in die Tat umgesetzt werden könnten.

Die drei Vorschläge im einzelnen:

 

Zu 3.4.1: "Neue Lerninhalte und -methoden!" Arbeitsgruppe der LSV

Zu 3.4.2: "Neue Lehrpläne!" Vereinigung Mittelfränkischer Schülerinnen und Schüler (VMS)

Zu 3.4.3: "Umfassende Allgemeinbildung!" Kollegiaten des Gymnasiums Moosburg


zu 4:

Hoffentlich haben wir Euch mit Daten, Fakten und Modellen nicht erschlagen...

Ihr dürft Euch jetzt wehren und 143 neue Modelle entwerfen.

Oder macht es wie der Bayerische Philologenverband:

Entwerft eines und beharrt so lange darauf, bis es umgesetzt wird.

VTZ & OMM

 

 

Quellen: